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Der Text ist dem Buch von Rudolf Gallati «Interlaken - Vom Kloster zum Fremdenkurort» entnommen. Das Buch ist im Verlag Schlaefli & Maurer AG erschienen. Wir danken Autor und Verlag für die Publikationsgenehmigung.

Das Frauenkloster

In einem Schriftstück aus dem Jahre 1257 lesen wir erstmals von einem Frauenkloster, das dem Männerkloster angegliedert worden sei. Die Zahl der Klosterfrauen übertraf jene der Mönche bald um ein Vielfaches. Um 1300 herum zählte der sogenannte äussere Konvent (das Männerkloster) etwa dreissig, der innere Konvent (das Frauenkloster) aber über dreihundert Bewohner. Richard Feller führt diese grosse Belegung auf die nachstehenden Umstände zurück:

"Für den Nachwuchs im Kloster sorgten seelische Verstrickung und wirtschaftliche Verlegenheit. Die einen traten aus innerem Bedürfnis ein, die anderen wurden dort versorgt. Der Kindersegen der Familien war so gross, dass nicht alle heirateten. Da es freie Frauenberufe nicht gab, fanden die Töchter eine Zuflucht im Kloster das ein geschütztes und gesittetes Dasein verhiess. Wohlhabende Stadtbürger brachten zwei und mehrere Töchter ins Kloster und steuerten sie reich aus, um ihnen das Leben in der Zelle zu erleichtem, da es harte Entbehrungen auferlegte. Interlaken bewahrte die stärkste Anziehungskraft, so dass ihm die Gunst reicher als andem zufloss. Sein blühender Zustand bot Gewähr für das zeitliche und das ewige Leben."

Die beiden Konvente unterhielten nach Hermann Specker im 14. und 15. Jahrhundert Schulen für Knaben und Mädchen. "Damit war den Nonnen, die sich sonst vorzüglich der Krankenpflege gewidmet und u. a. auch ein Siechenhaus am Rugen bedienten, eine neue, grosse und segensreiche Aufgabe gegeben. Und so spiegelt sich in dieser Klostergründung im Bödeli und in ihren ersten Dokumenten die ganze grosse Kulturaufgabe, welche das spätere Mittelalter vom früheren übernommen hatte und deren Lösung zum guten Teil den Mönchen und Nonnen Interlakens überbunden war" (Hermann Hartmann).

Dem Kloster Interlaken wurde diese Riesenaufgabe bald einmal zur Last. Selbstverständlich wuchs die Bedeutung der Propstei durch die Angliederung eines Frauenklosters ganz bedeutend. Ein so grosser Haushalt bedurfte aber einer straffen Leitung auch in ökonomischer Hinsicht und erforderte enorme Mittel. Das zahlenmässige Verhältnis zvvischen Mönchen und Nonnen ging nun ganz entschieden über den tragbaren Rahmen hinaus. Es erscheint verständlich, wenn der Propst mehrmals die Entscheidungsgewalt über die Aufnahme neuer Schwestern, die der Meisterin zustand, für sich beanspruchen wollte, um Einnahmen und Ausgaben des Klosterhaushalts ins Gleichgewicht zu bringen. Freilich: Das Chorherrenstift war reich. Der Nonnen wegen aber wollte es sich in seiner Bodenpolitik keinerlei Zurückhaltung auferlegen. Es erwarb weiter Grundstücke am laufenden Band und geriet nach und nach in Schulden. Dass die Nonnen nun darbten, konnte nach aussen nicht verborgen bleiben. So schrieb im Jahre 1271 Elisabeth die Jüngere, Gräfin zu Kyburg, ihrem Oheim Rudolf von Habsburg und weiteren Verwandten, dass, "da wegen dem schnellen Hinscheiden ihres Ehemanns, der seiner Sinne nicht mehr mächtig, auf seinem Sterbebette nicht mehr verordnen und tun konnte, was er früher willens war, sie dieselben bitte, den Kirchensatz zu Thun in ihrem Namen den armen eingeschlossenen Klosterfrauen zu Interlaken zu übergeben".

Im Februar des folgenden Jahres beschlossen Bischof Eberhard und das Kapitel zu Konstanz, den eingeschlossenen Klosterfrauen solle in Anbetracht der grossen Armut, des Hungers der Seele und des Leibes und der Menge der Personen, die in Interlaken lebten und daher den Gottesdienst nicht mehr in Ehren ausüben könnten, aus dem Einkommen der Kirche zu Thun weisses Brot in genügender Menge zukommen, gleich wie den Chorherren, unter Vorbehalt der Bestellung eines tüchtigen Seelsorgers. Im August 1282 vergabten Rudolf von Balm und Judenta, seine Gattin, das Patronatsrecht* der Kirche zu Ober-Lyss nebst ihren Besitzungen im Dorfe daselbst dem Frauenkloster Interlaken, "zum nutzen und zum peltzgewannd sämtlicher schwestern", die wintersüber in den schlecht geheizten Klostergebäuden erbärmlich frieren mussten. Am 30. September 1329 vergabte Junker Johann von Münsingen zugunsten sowohl des Männer- als auch des Frauenklosters zu Interlaken die bodenzinspflichtigen Schupposen zu Stutzwyl bei Ersigen, zu Hub bei Krauchthal, zu Münsingen, Diessbach, Aeschlen, Roggwyl, Ferenberg und Bantigen, (Schuppose = Bauerngut in der Grösse zwischen 9 und 12 Jucharten.) Von den Geldzinsen sollen jährlich dreimal jedem Priester und Evangelier, bis auf vierzig an der Zahl, sechs Schilling und jeder Frau, bis auf dreihundertvierzig, fünf Schilling entrichtet werden. Jedesmal, wenn dieses Almosen ausgeteilt wird, sollen von jeder Klosterfrau für das Seelenheil des Schenkers und seiner Vorfahren hundert Paternoster und hundert Ave-Maria gebetet und von jedem Klostergeistlichen eine Vigilie (nächtliches Gebet) gelesen werden; überdies täglich "bis an den Jüngsten Tag" eine Seelenmesse. In Rudolf von Tavels grossem Bubenbergroman "Ring i dr Chetti" ist ein ganzes Kapitel dem Frauenkloster Interlaken gewidmet.

Es ist zum mindesten umstritten, ob es mit der Armut im Frauenkloster wirklich so schlimm bestellt war. "Die Worte der Urkunden, die von den armen, darbenden Nonnen sprechen, können auch blosse Floskeln sein, die das Gott wohlgefäilige Werk einer Spende oder Vergabung an das Kloster dann in um so hellerem Licht erstrahlen lassen wollen", schreibt Hermann Specker. "Die Nonnen konnten durch Spinnen, Weben und Näharbeiten zum mindesten einen Teil ihres Unterhalts selbst verdienen, im Gegensatz zu den Chorherren, für die Handarbeit nicht der Standeswürde entsprochen hätte."

* Unter Patronatsrecht versteht man das Recht, den Pfarrer einzusetzen, bzw. ihm die Kirche zu verleihen. Aus den Einkünften des Kirchensatzes war der Pfarrer dann zu besolden. Weil das Patronatsrecht wirtschaftliche Vorteile bot, wurde es auch Objekt von Kauf und Verkauf und wechselte wie ein anderes nutzbares Recht oft die Hand. (P. Kläui)