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Der Text ist dem Buch von Rudolf Gallati "Interlaken - Vom Kloster zum Fremdenkurort" entnommen. Das Buch ist im Verlag Schlaefli & Maurer AG erschienen. Wir danken Autor und Verlag für die Publikationsgenehmigung.

Der Niedergang

Bis weit ins 14. Jahrhundert hinein setzte das Kloster seine Erwerbspolitik fort. Dann aber begann für das reiche Gotteshaus ein augenfälliger Abstieg von der Höhe seiner Macht. Dabei scheinen innere Schwierigkeiten die Zerfallserscheinungen noch gefördert zu haben. Im Jahre 1346 sah sich der Bischof von Lausanne genötigt, eine erste innere Reform in die Wege zu leiten. Die von ihm beauftragten Visitatoren erliessen die notwendigen Vorschriften zur Neuordnung des Lebens im Kloster. Mit dem um sich greifenden Zerfall der Sitten im Konvent der Männer und Frauen vergrösserten sich auch die wirtschaftlichen Schwierigkeiten.

Wir folgen hier gerne den Ausführungen Richard Fellers, der in der "Geschichte Berns" die Situation unübertrefflich schildert: "Wenn die Klöster klagten, sie fänden nicht mehr ihr Auskommen und könnten die Pflichten der Barmherzigkeit und der Gastfreundschaft nicht mehr üben, so lag die Ursache nicht nur in den nachlassenden Vergabungen, sondern auch in der geheimen Schwäche des Klosters. Seine Insassen arbeiteten nicht für sich und ihre Familie, sondern für eine Gemeinschaft. Es brauchte die Flamme der Inbrunst nur um ein weniges zu sinken, so war die Gefahr der Ermattung da. Gerade im 14. Jahrhundert, wo keine grosse Klosterreform den Eifer anfachte, schlichen Saumseligkeit und Gleichgültigkeit ein, so dass grosse Klostervermögen in Unordnung gerieten, die Geschäfte sich verzettelten und Schulden oft nicht aus Not, sondern aus Sorglosigkeit gemacht wurden. In der Blüte der Klöster meldeten sich die Anzeichen des Zerfalls."

In solcher Notlage wuchs der Druck auf die Gotteshausleute. In Grindelwald, VVilderswil und an anderen Orten gärte es. Die Talbewohner suchten Hilfe in Unterwalden. Bern duldete allerdings den angeforderten Beistand von ennet dem Brünig her nicht. Es kam dem Kloster mit Waffengewalt zu Hilfe und brachte den nicht uneigennützig handelnden Obwaldnern bei Brienz eine Niederlage bei.

Die bedrängten Gotteshausleute unterwarfen sich Anfang 1349 und wurden von Bern hart gebüsst. Sie mussten von nun an Bern Heerfolge leisten. Mit diesem wichtigsten Merkmal der Hoheit war Bern Landesherr im engeren Oberland geworden. Unter sich oder mit andern durften die Gotteshausleute inskünftig keine Bündnisse mehr schliessen, und sie hatten dem Kloster und Bern jährlich die Treue zu schwören. Für das Kloster besserte sich die Lage gegen Ende des Jahrhunderts mit Hilfe Berns wieder; "den alten Glanz und Reichtum erlangte es jedoch nicht mehr" (Graf-Fuchs M). Einen wurmstichigen Apfel macht man nicht mehr kerngesund! Wenn auch die Regeln des heiligen Augustin nun während längerer Zeit wieder besser befolgt wurden, so war eine weitere grosse Reform doch nicht zu umgehen. In aller Ausführlichkeit sind uns Vorgänge aus dem Jahre 1472 überliefert, die ein grelles Licht auf die überaus heftigen Spannungen werfen, wie sie im Laufe der Zeit zwischen Männer- und Frauenkloster entstanden sind. Kurz vorher fielen infolge grober Nachlässigkeit der Klosterfrauen grosse Teile des inneren Konvents einem Brande zum Opfer.

Es war am 27. April 1472, des morgens um die achte Stunde. Vom Turm des Gotteshauses lnterlaken riefen die Glocken zur Messe. Doch wer dem Gottesdienst beiwohnte, merkte bald, dass dem Kloster etwas Ungewohntes bevorstand. Im Chore hatten hohe fremde Kleriker, vom Propste ehrfurchtsvoll begleitet, Platz genommen. Es waren Philippe de Compesio und Wilhelm Maior, Chorherren und Richter der zur Zeit vakanten Bischofskirche von Lausanne und Abgeordnete derselben. Spannung und Unruhe lag über der versammelten Gemeinde. Nach beendetem Gottesdienst traten die Bewohner des Doppelklosters im Chor zum Generalkapitel zusammen. Zur Rechten nahmen die Mönche ihre Sitze ein, angeführt von Christian Schwender, dem Propst; zur Linken die Klosterfrauen, an ihrer Spitze die Meisterin, Elisabeth von Lenxingen.

Zur Schande des versammelten Kapitels stellte Philippe de Compesio fest, er habe die Zwietracht innerhalb der Klostermauem noch ärger vorgefunden als erwartet. Dann richtete er emste Worte an Nonnen und Mönche und mahnte sie zu Frieden, Eintracht, Gehorsam, Demut, brüderlicher Liebe und Einigkeit.

Nach einer feierlichen Zeremonie begann die Einvemahme der beiden Parteien. Die Meisterin beschwerte sich u. a. dass der Prior dem Frauenkonvent die ihm zustehenden Einkünfte vorenthalte,
dass den Schwestem die Einhaltung der Regeln des heiligen Augustin in den Räumen des äusseren Konvents, worin sie seit dem Brande untergebracht, nicht mehr möglich sei,
dass die Schwestem in Kost und Kleidung nicht gleich gehalten seien wie die Mönche,
dass man ihnen namentlich nicht genügend Brot, Wein, Milch, Korn, Käse, Fleisch, Salz, Butter, Öl usw. zukommen lasse,
dass man sie aber auch mit Messen, Predigten und Sakramenten nur mangelhaft versorge.

Der Propst wies alle diese Anschuldigungen von sich. Die Notlage in baulicher Hinsicht konnte ihm nicht zur Last gelegt werden. Er bat die Schwestern um Geduld bis zum Wiederaufbau des inneren Konvents. In bezug auf die Versorgung mit aller Notdurft hätten sie immer erhalten, was ihnen gebühre und was für das Kloster tragbar gewesen sei. Es ist klar, dass der Propst den Vorwurf der mangelhaften geistlichen Versorgung der Klosterfrauen nicht auf sich beruhen lassen konnte. Hier ging er zum Angriff über, indem er erklärte, sie sollten die dargebotenen Messen, Predigten und Sakramente nur recht anwenden, dann sei ihrem Seelenheil vollauf Genüge getan ... Die Fronten blieben hart; mit einem gemeinsamen Gebet wurde das denkwürdige Generalkapitel geschlossen, und die Versammlung löste sich nach mehrstündigen Verhandlungen auf.

Die Entscheidung über alle strittigen Punkte lag nun in den Händen der beiden Legaten aus Lausanne. Bevor sie jedoch ihren Spruch fällten, hörten sie noch Burkhart Stör, den Propst von Amsoldingen und Bevollmächtigten der Klosterfrauen, an. Schon am 30. April wurde den beiden Parteien das Urteil eröffnet. Sie nahmen es an und unterzeichneten das Dokument. (Nach Herrmann Rennefahrt, Bern und das Kloster Interlaken.)

Die Zwistigkeiten dauerten aber fort und scheinen sich noch verschärft zu haben. Damit nicht genug: Der unter grossen Opfern wieder erbaute Frauenkonvent wurde 1479 neuerdings ein Raub der Flammen.

Was Wunder, wenn nun die Geduld der Behörden zu Ende war und sie radikal durchgreifen mussten! "Für Bern war es ein guter Vorwand, um in Rom die Aufhebung des Frauenklosters zu beantragen. Es beabsichtigte, mit dem Klostergut das neuerrichtete Chorherrenstift St. Vinzenz in Bern zu dotieren und dabei die Finanzen der Stadt Bern zu schonen" (Hermann Specker). Am 24. Dezember 1484 wurde mit päpstlicher Bulle durch Innozenz VIII. die Aufhebung des Frauenklosters verfügt, und zwar "wegen eingerissener Unordnung und Sittenlosigkeit der Frauen daselbst, und weil dasselbe durch ihre Nachlässigkeit in Zeit von zwölf Jahren zweimal abgebrannt, die Zahl der Nonnen auf acht oder neun herabgesunken und weil auch keine Hoffnung sei, dass sich ferner jemand werde aufnehmen lassen". Das Vermögen des Frauenklosters wurde tatsächlich dem neuen St. Vinzenzenstift zu Bern einverleibt. Den Nonnen wurde damals erlaubt, bis an ihr Lebensende im Kloster zu wohnen. Aber schon um Ostern des folgenden Jahres (1485) erhielten sie anderweitige Unterkunft.

Diese Vorgänge fügten dem Ansehen des Klosters grossen Schaden zu. Jedermann hielt sich für berechtigt, in groben, unflätigen Worten über Nonnen und Mönche herzufallen. Späteren Zeiten blieb es dann vorbehalten, vor allem und fast ausschliesslich die negativen Aspekte des Klosterlebens darzustellen, als ob Interlaken die reinste Brutstätte der Laster gewesen wäre. Dieses Bild gilt es heute aufzuhellen. Was in den siebziger Jahren des 15. Jahrhunderts geschah, war düster. Was indessen über Jahrzehnte, ja Jahrhunderte hinweg in treuer Ergebenheit unter Einhaltung der strengen Ordensregeln von den Interlakner Chorherren und Ordensschwestern geleistet worden ist, ist respekterheischend und bewunderungswürdig. Neben dem handwerklichen Schwung, den die Mönche in unser Gebiet brachten, erschlossen sie das Oberland dem Handel und bahnten Beziehungen an, die sich zum Segen der ganzen Bevölkerung auswirkten. [ ]

Nach der Aufhebung des Frauenklosters wären alle Voraussetzungen vorhanden gewesen zu einer gedeihlichen VVeiterentwicklung und zu einem neuerlichen Aufstieg des äusseren Konvents. Es dauerte aber nicht lange, da brausten Stürme ganz anderer Art über das ehemals mächtige Männerkloster hinweg, Stürme, denen auch es nicht mehr gewachsen war: Es begannen die Glaubenskämpfe der Reformation. [ ]