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Der Text ist dem Buch von Rudolf Gallati «Interlaken - Vom Kloster zum Fremdenkurort» entnommen. Das Buch ist im Verlag Schlaefli & Maurer AG erschienen. Wir danken Autor und Verlag für die Publikationsgenehmigung.

Die Reformationszeit

Das eifrige Bemühen der katholischen Orte, Bern in die Abwehrfront gegen die neue Glaubenslehre einzugliedern, scheiterte an der Haltung der Regierung, die den Ideen der Reformation sehr wohlwollend gegenüberstand und sie sogar begünstigte. Es verwundert deshalb nicht, dass die katholischen Orte versuchten, direkten Kontakt mit den bernischen Untertanen aufzunehmen, in der Hoffnung, dass diese die reformationsfreundliche Haltung der Regierung missbilligen würden. Das war indessen ungeschickt. Bern musste ein solches Vorgehen als Einmischung in seine inneren Angelegenheiten betrachten und wies dieses Unterfangen ganz entschieden zurück. Am 7. Februar 1528 erliessen Schultheiss, Kleiner und Grosser Rat das Reformationsmandat, das im ganzen bernischen Herrschaftsbereich verbindlich sein und der neuen Lehre zum endgültigen Durchbruch verhelfen sollte. "Mit diesem Mandat sagte sich Bern eindeutig von der katholischen Kirche los und begründete seine eigene Landeskirche" (Hermann Specker). Am 23. Februar wurde über das Mandat zu Stadt und Land abgestimmt. Nur Huttwil, Lenzburg, Frutigen und Obersimmental verwarfen es.

Damit hatte auch die Stunde für das Augustinerkloster Interlaken geschlagen. Die Gotteshausleute atmeten auf. Die Zinspflicht, die ihnen seit Jahrhunderten auferlegt war, mag da und dort wirklich drückend gewesen sein. Nun glaubten eben viele den Zeitpunkt für gekommen, sich dieser Lasten zu entledigen. Bald waren die Mönche im Kloster ihres Lebens nicht mehr sicher. Propst Niklaus Trachsel wusste sich nicht mehr anders zu helfen, als den Schutz der Regierung zu Bern anzurufen. Diese nahm am 30. März 1528 das Kloster in ihren Besitz. Dies hinwiederum entsprach nun nicht dem Sinnen der Mehrheit der Gotteshausleute. Das Kloster war durch Hunderte von Vermächtnissen reich an Gütern geworden; an manche Schenkung war die Bedingung geknüpft, es habe die Güter zum Nutzen der Armen zu verwalten. Die Gotteshausleute bestritten deshalb den Mönchen das Recht, diese Güter in zweckwidriger Weise in den Besitz der Regierung überzuführen. Sie befürchteten, die ganze Handänderung werde ihnen keinerlei Entlastung von Zinsen und Zehnten bringen, und lehnten sich offen dagegen auf. Sie wurden in ihrer Haltung gegenüber Bern einmal mehr unterstützt durch die Unterwaldner, denen es im Grunde der Dinge darum ging, dem mächtigen Bern, das sich nun der neuen Glaubenslehre verschrieben hatte, das Oberland abzuzwacken und der Ausbreitung der Reformation in der Nachbarschaft einen Riegel zu schieben.

Am 22. Oktober 1528 versammelten sich die Gotteshausleute und hielten auf der Höhematte eine Landsgemeinde ab. Die hier gefassten Beschlüsse stellten eine glatte Kriegserklärung an Bern dar. Die Unterwaldner hatten den Aufständischen militärische Hilfe zugesagt und rückten prompt mit 800 Mann beim Kloster ein, um am 29. Oktober zusammen mit den Gotteshausleuten das Städtchen Unterseen zu besetzen, dessen Bevölkerung flüchtete. Die bernische Regierung sah dieser Herausforderung nicht untätig zu. Sie mobilisierte das Heer, das 5000 bis 6000 Mann stark an eben diesem Tage unter der Führung von Niklaus Manuel - von Thun aus - Richtung Oberland aufbrach. Die Kunde vom Anmarsch dieses Gewalthaufens und die Witterungsumstände bewogen die Unterwaldner am 1. November zum Rückzug. Die Berner zogen ins Städtchen ein und besetzten in der Folge auch das Kloster. Unterseen hielt in dieser kritischen Zeit treu zu Bern und wurde von diesem nach der Unterdrückung des Aufstandes verdientermassen belohnt. Die Belohnung bestand vor allem in einer Erweiterung des Gerichtskreises und in der Schenkung der zum Klostergut gehörenden Sefinenalp an das Städtchen. Bern verpflichtete sich dabei, dem neuen Besitz Unterseens seinen Schutz angedeihen zu lassen. Es erliess Unterseen auch den bisher dem Kloster geschuldeten jährlichen Bodenzins, bestehend aus drei Pfund Wachs und einem schwarzen Huhn mit gelben Füssen. Die Dorfsässen zu Interlaken wurden in allen Streitigkeiten, die Holz-, Feld- und Weidrechte betrafen, der Gerichtsbarkeit von Unterseen unterstellt. Gleichzeitig wurden verschiedene Differenzen bezüglich der Wirtschaften, der Bäckereien und Metzgereien und des Standorts der Waage bereinigt.

Zwei Jahre zuvor schon wurde eine ganz böse Streitfrage gütlich gelöst: Durch Jahrhunderte hindurch vergiftete der Kampf um die Fischereirechte in der Aare die gegenseitigen Beziehungen zwischen Unterseen und den geistlichen Herren. Mehrmals kam es deswegen zu offenem Aufruhr. Die Fischer von Unterseen nahmen Anstoss am Bau der grossen Aareschwelle (1433/34), die vom Städtchen her schräg aufwärts den ganzen Flusslauf von einem Ufer bis zum andern sperrte. Durch dieses gewaltige Bauwerk sollte der Zug der Fische, hauptsächlich der Alböcke, aufgehalten werden, so dass ihnen nur der Ausweg in die "Fache" des Klosters übrigblieb. Die Burger von Unterseen hatten vergeblich dagegen Einsprache erhoben. Sie zogen ihre Klage bis vor den Kaiser, ohne dass aber der Streit zu ihrer Zufriedenheit beigelegt worden wäre. Die Stauung der Aare wirkte sich bis in den Brienzersee aus, und schliesslich wurden sogar die Oberhasler geschädigt, indem der ganze Talboden bis gegen Meiringen hinauf versumpfte. So darf man sich nicht verwundern, wenn im Jahre 1528 die Hasler und Brienzer, die den Gotteshausleuten ebenfalls zu Hilfe eilten, ihren Zorn auch an den verhassten Unterseener Schwellen ausliessen. Jetzt endlich wurde die Aare als offenes Gewässer erklärt, und die Unterseener erhielten die Erlaubnis, in den Gebieten Interlakens wenigstens mit der Angel fischen zu dürfen. Man begreift, dass im engeren Oberland niemand die Reformation freudiger begrüsste als das "Städtchen", bereitete sie doch seinen unbequemen Nachbarn - wie man hier glaubte - ein wohlverdientes Ende ("Städtchen" = Unterseen).

Die Verstaatlichung des Klostergutes war, so schreibt Richard Feller treffend, "der grösste Eigentumswechsel in der bernischen Geschichte". Von nun an vertrat ein Landvogt die Obrigkeit in Interlaken, ein Landvogt, der aus der Hauptstadt stammte und dem das Kloster als Amtssitz diente. Zugleich wurde hier ein Spital, eine sogenannte Pfründeranstalt für Arme und Kranke aus der näheren Umgebung errichtet.