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Der Text ist dem Buch von Rudolf Gallati «Interlaken - Vom Kloster zum Fremdenkurort» entnommen. Das Buch ist im Verlag Schlaefli & Maurer AG erschienen. Wir danken Autor und Verlag für die Publikationsgenehmigung.

Vom Kloster zur Schlosskirche

Die Klosterkirche wurde im Reformationsjahr geschlossen und ihrem Zweck entfremdet. Das Chor diente als Fass und Wagenscheune, dessen Unterkellerung als Weinkeller, während das Schiff, in ein Kornhaus verwandelt, an die Zeiten Josephs in Ägypten erinnern mochte. Die Trennung der beiden Kirchenteile erfolgte im Jahre 1563. Bern vernachlässigte den Unterhalt dieser Gebäude in grober Weise. Im Oktober 1632 machte der damalige Landvogt die Obrigkeit auf die Missstände aufmerksam.

"... Durch die Länge der Zyt und auch mangel gebührender Erhaltung ist die Kilchendachung dermassen in abgang kommen und abgefulet, dass man augenblicklich glychsam den Ynfall derselben befürchten muss, dahar lychtlich ein merklicher Schaden, ja Kummer und Wehleid entstehen möchte.

Da das noch näher syn wird, entweders einen gantz nüwen Dachstul zu machen, oder aber den gantzen Bauw abzubrechen und zu schliessen, und etwa nach bester Gelegenheit den lären Fassen ein Ort zu suchen da sy geschermet syend. Den Dachstul neuw zu machen, würde ein merkliche Summe gelts erforderen, die by dieser gelt-Theurung und Hunger herzulegen unmöglich were ..."

Solche Notrufe fruchteten in der Regel wenig, und man begnügte sich immer wieder damit, die Schäden notdürftig zu flicken. Eine interessante Einzelheit wird uns über die Schlossuhr berichtet: Der Spitalmeister erhielt als Entschädigung für das Richten der Uhr nach altem Brauch Tuch für ein Paar Hosen. Mit der Reparatur des grossen Schlagwerks war es aber oft bös bestellt. In einer landvögtlichen Abrechnung heisst es dazu: "Obwohl Schlosser Daniel Wyss die grosse Schlossuhr zweimal reparirt, geht sie doch nicht. So wurde denn Wolfgang Furrer, Uhrmacher von Bern, berufen." Ein andermal kam Johann Matter, ein Tiroler Uhrmacher, wie gewünscht. Er setzte ein neues Zählrad, zwei Kreuze, zwei neue Triebräder, eine Spindel, ein Steigrad und eine Unruhstange, "alles mit Mösch gefüttert", ein. Über Jahrzehnte hinweg findet man in den Akten nun keinerlei Hinweise auf die Klosterkirche mehr. Offenbar nahm niemand Anstoss daran, dass sich in den Räumen, in denen früher die frohe Botschaft verkündigt worden war, Säcke und Fässer auftürmten und dass hier Fuhrknechte ihre Wagen versorgten. Erst im Jahre 1842 wurde das Chor der Kirche unter Mithilfe des Staates wieder für Kultuszwecke, und zwar für den englischen Gottesdienst, eingerichtet.

Am 24. Juli 1842 konnten die Katholiken in der Kapelle der alten Klosterkirche endlich wieder das heilige Messopfer feiern. Der Gottesdienst wurde allerdings nur während der Sommermonate durchgeführt, weil es damals erst wenige ansässige Katholiken gab. Auf die Saison 1864 hin musste die Kapelle dann der russischen Kolonie in lnterlaken überlassen werden; die Katholiken durften dafür den "Fassboden" der Klosterkirche benützen, "sofern die Kosten ohne Zutun des Staates bestritten und die baulichen Anordnungen im Einverständnis mit den Baubeamten des Staates ausgeführt werden". Die protestantischen Bewohner Interlakens mussten, wenn sie die Predigt besuchen wollten, noch bis 1911 den Weg nach Gsteig oder aber nach Unterseen unter die Füsse nehmen. Der Kirchgemeinderat wandte sich deshalb an den Staat um Überlassung von Boden für den Bau einer protestantischen Kirche (1909). Die Katholiken ihrerseits verzichteten kurz zuvor auf die weitere Benützung der baufälligen Schlosskirche. Sie errichteten unmittelbar daneben ein eigenes Gotteshaus. Nichts lag deshalb näher, als das freigewordene Schiff der Schlosskirche den Protestanten zur Verfügung zu stellen. "Wenn das Kloster Interlaken", so führte Regierungsrat Kunz vor dem bernischen Grossen Rat aus, "zur Zeit der Reformation auch ein etwas unrühmliches Ende genommen hat, so ist nichtsdestoweniger festgestellt, dass es für die kulturelle Entwicklung des ganzen Oberlandes von mächtigem Einfluss gewesen ist. Es gab dem jetzigen Interlaken seinen Namen und trug ihn, speziell durch die Kreuzzüge, bis in die entferntesten Gegenden. Wie man heute von dem Fremdenort Interlaken fast in der ganzen zivilisierten Welt spricht, so hat seinerzeit auch das Kloster Interlaken grossen Ruhm genossen. Es ist daher eine geschichtliche Notwendigkeit, dass dieses Überbleibsel des alten Klosters an die Kirchgemeinde Gsteig, die in lnterlaken eine Filialkirche errichten wird, übergehe." Der Grosse Rat stimmte hierauf dem Abtretungsvertrag, datiert vom 23. August 1909, einhellig zu. Die Abtretung schloss einzig die Bedingung ein, dass die Kirche stets ihrem Zwecke erhalten bleibe und dass bei Umbauten der architektonische Charakter der Klosterkirche gewahrt werden solle. So wurde 1909 das alte Kirchenschiff abgetragen, und an seiner Stelle erbaute Architekt Adolf Mühlemann einen neuen Kirchenraum. Die damals eingebaute Orgel wurde im Jahre 1963 abgebrochen. Sie machte einem neuen Instrumente Platz, das nach den Entwürfen von Ernst Schiess durch die Orgelbau Genf AG erstellt worden ist.

[ ] Der heutige, prächtige Kirchenraum umschliesst die baugeschichtliche Zeitspanne von mehr als sechshundert Jahren. Das Chor gilt als eines der bedeutsamsten gotischen Baudenkmäler im Kanton Bern. Durch die von Kunstmaler Paul Zehnder geschaffenen Glasfenster, die das Leben und Wirken unseres Herrn auf Erden, sein Leiden und seine Auferstehung zum Inhalt haben, kam es erst recht zu einer prachtvollen Wirkung. So ist die Schlosskirche "nicht nur ein Mittelpunkt lebhaften geistigen Lebens, sondern auch eine Stätte, die durch ihre künstlerische Gestaltung der innern Einkehr und Besinnung dient" (Rud. Wyss). [ ]

Bis zum Jahre 1926 hing im Turm der Schlosskirche eine einzige kleine Glocke. Sie stammte aus vorreformatorischer Zeit. Sie trug die Jahrzahl 1492 und kam nach dem Bau eines schlichten Kirchleins anno 1938 nach Iseltwald.

Am 1. August 1926 fand die Einweihung eines vierstimmigen Geläutes statt. Alle Glocken wurden in der Glockengiesserei Rüetschi in Aarau gegossen. Die Inschriften lauten:

Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und an den Menschen ein Wohlgefallen. Lk 2, 24.
Nach dem grossen Weltkrieg 1914-1918 wurden wir vier Glockenschwestern Des/Es/F/As durch den Opferwillen aller Bevölkerungskreise der Kirchgemeinde Gsteig-Interlaken geschaffen.
Lasset uns aufsehen auf Jesus Christus, den Anfänger und Vollender des Glaubens. Hebr 12, 2,
Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, Er wird es wohl machen. Ps. 37, 5.
Es bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei. 1. Kor 13, 13.

Kehren wir nochmals zurück zur Gründung des Chorherrenstifts. In der eingangs erwähnten Urkunde Kaiser Lothars III. vom 8. November 1133 ist die Rede von der "ecclesia sancte Marie virginis ... interlacus, Madon vulgariter nominata". Wie Hermann Specker in der "Berner Zeitschrift für Geschichte und Heimatkunde" 1968, S. 206, ausführt, heisst das auf Deutsch "Die Kirche der heiligen Jungfrau Maria, zwischen den Seen, gewöhnlich Matten genannt". Er schreibt dazu: "Wir haben hier also den Ortsnamen Matten vor uns, der Ortsname Interlaken existierte noch nicht. In Urkunden von 1180 und 1183 ist dann aber bereits von der ecclesia Interlacensis oder vom monasterium Interlacense die Rede. Nirgends aber finden wir die Namensform Interlacus Madon." Wir geben diese Auffassung hier gerne weiter, weil wir die von Spreng und Schütz verwendete Bezeichnung "Interlacusmadon" in der 1966 publizierten Broschüre übernommen haben.

Die Schlosskapelle wurde unter Propst Hetzel (1444-1452) errichtet. In den Jahren 1972/73 ist sie unter Mitwirkung der Kantonalen Denkmalpflege kunstgerecht renoviert worden. [ ] Gleichzeitig mit der Renovation der Kapelle nahm der Staat auch die Erneuerung des Kreuzgangs an die Hand. Es ist dies das einzige noch erhaltene Teilstück eines Kreuzgangs im Kanton Bern.

Schliesslich dürfen wir an dieser Stelle auch hinweisen auf die sogenannte Schlossstube. Sie ist entstanden aus den nicht mehr benützten, baufälligen alten Waschküchen, die den Familien der Schlossbewohner an den Waschtagen zur Verfügung standen, bevor es elektrische Waschmaschinen gab. Rauch und Feuchtigkeit hatten dem Gebäude arg zugesetzt, so dass der Staat den Abbruch in Erwägung zog. Die Kirchgemeinde liess das reizend gelegene Objekt renovieren. Es entstand eine Stube, die heute als beliebter Treffpunkt für Zusammenkünfte in kleinem Kreise gilt.

Dasselbe kann von der mustergültig für Unterrichtszwecke und kirchliche Veranstaltungen hergerichteten Schlossscheune gesagt werden.