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Paul Zehnder (1884–1973)

Von Claudio Jegher. Der Maler und Zeichner Paul Zehnder ist einer der bedeutendsten Vertreter kirchlicher Glasmalerei in der Schweiz des 20. Jahrhunderts. Für die Schlosskirche Interlaken entwarf er neun Farbfenster. Sein Sommeratelier hatte er in Iseltwald am Brienzersee.

Zehnder kommt am 30. September 1884 zur Welt. Mutter wie Vater verliert er bereits in Kindertagen, sodass er bei einer Tante aufwächst. Er besucht in Bern das Gymnasium und beginnt 1905 mit dem Studium der Malerei in Dresden. Während der Wintermonate ist er an der Kunstgewerbeschule in München, später dann an der Akademie in Stuttgart eingeschrieben. Die Sommermonate verbringt er «im Feld» oder auf Reisen. Vom Herbst 1909 bis zum Ausbruch des 1. Weltkrieges arbeitet er vorwiegend im eigenen Atelier in Paris.

Bereits 1910 kommt er zu seinem ersten Auftrag von kirchlicher Seite. Für die Kirche Leissigen malt er ein Wandbild, Motiv: der verlorene Sohn. Fünf Jahre später arbeitet er in der Kirche Diemtigen. Von dort schreibt er seinem Freund Victor Surbek: «Jetzt habe ich mich in die Kirchenwände verbissen und es ist mir, als ob ich zum ersten Mal im Leben so malen kann wie ich möchte und sollte […]. Es drängt mich überhaupt, ganz grosse Räume und Häuser zu schmücken, nicht Bilder zu malen, die unabhängig von der Umgebung bald hier, bald dort hängen und so en passant betrachtet werden, sondern solche, die die Situation, die Umgebung beherrschen und welche zur Hauptsache werden.» Diesem gestalterischen Drang gehorchend, malt er in den Zwanzigerjahren die Stadtkirche Winterthur aus, die «umfangreichste kirchliche Malerei der Schweiz im 20. Jahrhundert». (Huggler)

Im Herbst 1934 findet Zehnders Junggesellendasein ein Ende. Er verheiratet sich mit Clara Pulver. Die Ehe bleibt kinderlos. Neben der Wandmalerei betätigt sich Zehnder nun vermehrt auch als Glasmaler. In enger Zusammenarbeit mit dem Glasmaler-Atelier Halter am Klösterlistutz in Bern schafft er bis zu seinem Ableben Glasgemälde für 26 Kirchen in der Schweiz. Seine Arbeit in der Kirche versteht er als Dienst am Ganzen. Ein ausgeprägter Sinn für die Gestaltung des Raumes kommt ihm dabei ebenso zugute wie seine künstlerischen Fertigkeiten.

In seinem Vortrag «Die protestantische Kirche und die Kunst» umschreibt er die Funktion der kirchlichen Malerei folgendermassen: «Ein lautes, anspruchsvolles und eitles Vordrängen der Malerei widerspricht überhaupt dem Wesen wandmalerischer Kunst. In einem Gotteshaus […] sollte jeder Teil dem Ganzen dienen, nämlich Verkündigung, Lobgesang, Gebet und Opfer sein.» In diesem Verständnis spiegelt sich ein Wesenszug des Künstlers. Das Laute und Schrille war ihm fremd. Seine Kunst war von der christlichen Religion in Dienst genommen. Glasgemälde sollten kein Eigenleben führen, «vielmehr sind sie Bauglieder, wie die gemauerten Wände. Der Glasmaler baut den zu gestaltenden Raum erst fertig mit Wänden aus Glas. Er verbindet die einzelnen Glasstücke mit Blei, wie die Bausteine mit Zement verkittet werden.»

Als 1950 die Trennwand zwischen Schiff und Chor in der Schlosskirche entfernt wird, erhält Zehnder den Auftrag, drei Chorfenster zu schaffen. Knapp zehn Jahre später arbeitet er an den Skizzen für zwei Seitenfenster, die Motive: die apokalyptischen Reiter und die Vertreibung aus dem Paradies. Er schreibt dazu an Freund Surbek: «Vorläufig bin ich immer noch bei den kleinen Skizzen zu den apokalyptischen Reitern [ ]. Ich möchte mit diesen zwei Fenstern wenn möglich mein Bestes machen – die Themen sind ja auch gewaltig: der Anfang und das Ende des Menschentums.» Die Ausführungen in der Schlosskirche Interlaken zählt Zehnder persönlich zu den drei grössten Aufträgen in seinem Leben.

Nachdem seine geliebte Frau im Sommer 1959 stirbt, wird es einsam um Paul Zehnder. Er lebt zurückgezogen. Ab und zu ist er in Interlaken, wo es ihm ein Vergnügen ist, «von einem Café aus dem Corso der Eitelkeit zuzuschauen, der sich spasshafterweise seiner allgemeinen Hässlichkeit nicht bewusst ist».

Seinen Lebensabend verbringt er im «Siloah» in Gümligen. «Im Allgemeinen lebe ich hier friedlich, wenn es schon ein ganz anderes Leben geworden ist, dem man abgewinnen muss, was es bieten kann», schreibt er an Surbek. «Und wenn der Körper sich nicht mehr so ganz wunschgemäss verhält wie früher, so muss man das schlucken und den Jahren auf ihr Konto schreiben.» Zehnder stirbt 89-jährig am 11. Januar 1973.

Quellen: Künstler-Lexikon der Schweiz, XX. Jh.; Fritz Braaker, Der Maler Paul Zehnder, in «Jahrbuch vom Thuner- und Brienzersee», Hrsg. UTB, Jg. 75; Paul Zehnder, Die protestantische Kirche und die Kunst, abgedruckt in «Der Kleine Bund», 11.2.1945; Paul Zehnder, Briefe an Victor Surbek, 1905–1971, Privatdruck Bern, 1975.


Artikel von Gerrendina Gerber-Visser in der BEZG (Berner Zeitung für Geschichte, www.bezg.ch) Nr. 01/11 als PDF, mit Foto des Künstlers, hier klicken.