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Nach der Sicherheitskontrolle
Es ist früh am Morgen. Die Strassen sind noch leer. Trotzdem stehe ich in der Schlange – vor der Sicherheitskontrolle am Flughafen. Wer günstig fliegen will, muss auch gewillt sein, früh aufzustehen. Zu so früher Stunde ist erst ein Security-Team aufgeboten. Die meisten im Team haben noch verschlafene Augen. Man sieht ihnen an, dass sie ungewollte Frühaufsteher sind. Entsprechend ist ihre Laune, rotzig ihre Art und schikanös ihr Umgang.
Ich kenne das Prozedere und möchte es schnell hinter mich bringen. Die Mutter vor mir mit ihren halberwachsenen Töchtern scheint weniger geübt zu sein. Hier kommt noch eine Bodylotion zum Vorschein, da noch eine zu grosse Nagelschere und auch der Mettaldetektor piepst fleissig, als die drei die Schranken passieren. Das ganze ist auch ein wenig Theater. Gerade letzthin ist es einem Journalisten ja wieder gelungen, eine Waffe an Bord eines Flugzeuges zu schmuggeln.
Endlich bin ich an der Reihe. Computer ausgepackt, Taschen geleert, Flüssigkeiten im transparenten Plastikbeutel, schnell noch den Gürtel ausziehen und schon bin ich durch. Kein Piepsen, kein Abtasten, alles wieder einpacken und weiter. Während ich mich zum Gate begebe, werde ich nachdenklich. Von Zeit zu Zeit eine Sicherheitskontrolle und am Ende der Zeit die Endkontrolle? Wer darf rein? Wer bleibt draussen? Schafe zur Rechten und Böcke zur Linken, törichte und kluge Jungfrauen, Spreu oder Weizen …
Fast alle Religionen kennen die Vorstellung eines letzten Gerichts. Im altägyptischen Totenbuch wird in der «Halle der Wahrheit» Gericht gehalten. Der Gott Osiris hat den Vorsitz. 42 furchteinflössende Gottheiten stehen ihm zur Seite, jede auf eine bestimmte Sünde spezialisiert. Das Herz des Verstorbenen wird von Anubis auf eine Waage gelegt. Der göttliche Schreiber Thot protokolliert das Geschehen. Wer zu leicht befunden wird, wird von einem Ungeheuer mit Krokodilkopf verschlungen.
Christlicher Glaube erwartet am Ende aller Dinge weder ein furchteinflössendes Richtergremium noch einen schikanösen Kontrolleur, sondern den gerechten Weltenrichter Jesus Christus. Der, welcher den Menschen gerechtfertigt hat, wird ihn auch erlösen. Dabei wird er nicht – um es mit einem treffenden Wort Eberhard Jüngels zu formulieren – Gnade vor Recht ergehen lassen, sondern in seiner Gnade ganz im Recht sein. Der Barmherzige wird nicht plötzlich unbarmherzig agieren, der Salvator nicht zum Terminator mutieren. Wie er das genau macht, dass er sowohl den Opfern als auch den Tätern gerecht wird, das bleibt vorläufig sein Geheimnis. Wir werden es noch früh genug erfahren.
In der Kirchengeschichte wurde mit der Vorstellung des Jüngsten Gerichtes viel Schindluderei betrieben. Es wurde damit mehr Angst geweckt als Glaube vermittelt. Das war falsch. Aus Fehlern kann man lernen. Schlimm ist nicht die Vorstellung eines Endgerichtes, schlimm wäre es, wenn es das Letzte Gericht nicht gäbe. Denn dann fände weder das Böse noch das Gute seinen Richter. Und da bliebe doch jeglicher Sinn auf der Strecke.
Pfr. Claudio Jegher, Interlaken