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Das Negligé
Eine laue Sommernacht. Die Grillen zirpen. Der tägliche Verkehrslärm der Lindenallee ist nächtlicher Ruhe gewichen. Ich komme nach Hause und parke das Auto. Als ich auf die Haustüre zugehe, macht der Bewegungsmelder Licht. Aber – was ist denn das? Was ist mit dem geschehen?
Er steht seit geraumer Zeit neben der Eingangstür, und  zwar in einem grossen Topf. Ein tanzender Bär aus immergrünem Buchs (Buxus sempervirens) geschnitten, der aussieht, als würde er gleich eine Pirouette drehen. Ein Geschenk meiner Mutter. Aber heute Nacht sieht er anders aus. Irgendjemand hat dem Buchs-Bären eine Art cremefarbiges Negligé übergezogen. Ich muss unweigerlich lachen. Wer das wohl war? Ich weiss es bis heute nicht.
Lieber Unbekannter, liebe Unbekannte, melde dich doch bei mir. Ich lade dich ein zu Kaffee und Kuchen. Das Negligé ist auf Brusthöhe und auf den Trägern mit Pailletten bestickt, 35% Polyester, 65% Cotton, Made in China.
Wahrscheinlich wolltest du nur einen Jux machen, als du dem Bären ein altes Negligé angezogen hast. (Ist es eines von dir oder von deiner Frau?) Mir aber ist eine Vision aus der Offenbarung in den Sinn gekommen. Der apokalyptische Seher schaut «eine grosse Schar, die niemand zählen konnte, aus jedem Volk, aus allen Stämmen, allen Nationen und Sprachen, [ ] bekleidet mit weissen Gewändern.» (Offb 7, 9)
Das sind die Vollendeten vor Gottes Thron. Ein unglaublich grosszügiges Wort. Eine Schar so gross, dass sie niemand zählen kann. Hört, hört, die ihr immer noch in Zahlen und Figuren denkt und rechnet! Niemand kann sie zählen. Auch die allerfrömmsten Rechner nicht. Gott allein kennt die Endsumme. Und: Aus jedem Volk, aus allen Stämmen, allen Nationen und Sprachen. Also nicht nur jene, deren Nasenspitz uns passt. Nicht nur die Braven und die Netten, die Senkrechten und Bodenständigen. Unser Vergeltungsdenken hat mit Gottes Heilswillen nichts gemein.
Weisse Kleider werden sie anhaben. Da werden dann Kleider noch in einem ganz anderen und ganz neuen Sinn Leute machen. Kleider nicht zum blossen Schein, vielmehr zum wahren Sein. Kein Seelenstriptease und keine Verkleidungen mehr. Und das wird nicht bloss ein Jux, sondern eine nie da gewesene Freude sein. In seiner Gnade wird sich Gott keine Blösse geben.
Am nächsten Tag habe ich dem Bären das Negligé wieder ausgezogen, damit der Buchs keinen Schaden nimmt. Es hängt jetzt im Keller. Und wenn ich es sehe, geht mir so allerlei durch den Kopf.
Pfr. Claudio Jegher, Interlaken