Navigation
Auf der Geisterbahn
Ein lauer Sommerabend in Paris. Vom Riesenrad im Jardin des Tuileries genoss man eine herrliche Aussicht auf das nächtliche Lichtermeer der Stadt. Irgendwann nach Schiessbuden, Spiegelkabinett und Eisdielen stand da diese Geisterbahn, ein bisschen verlottert, mit Hexen- und Henkersfiguren, viel giftgrün und blutrot und noch mehr Gespensterfratzen. Die Kinder lagen mir bereits in den Ohren. Also gut! Warum nicht wieder einmal eine Geisterbahnfahrt!
Ich stieg — ohne grosse Erwartungen — mit unserer Jüngsten in eine von einem Teufel gestossene Schubkarre. Kaum sassen wir, klammerte sie meinen Arm. Es gruselte sie, mich belustigte es eher. Zuerst wurden wir — wie sich das für eine Geisterbahn gehört — ins Dunkel geschoben. Ein kalter Luftzug begrüsste uns hinter dem Vorhang. In einer Ecke stand ein offener Sarg, da und dort ein rotes Licht, Spinnennetze, eine blutige Axt — nichts aufregendes. Es schien mir, als hätte diese Bahn schon bessere Tage gesehen. Sie wirkte nicht nur verlottert, sie war veraltet. Keine besonderen Gruseleffekte, enttäuschend langweilig, von Hühnerhaut keine Spur.
Bis zu jenem denkwürdigen Moment, da mir der Schrecken dermassen in die Glieder fuhr, dagegen jeder Adrenalinstoss beim Bungeejumping ein Dreck ist. Plötzlich verspürte ich nämlich eine Hand auf meiner Schulter. Ich drehte mich um, und im selben Moment drehte sich auch unsere Schubkarre, so dass ich einfach ins Dunkel hineinstarrte. Aber Sekunden später berührte erneut eine Hand meine andere Schulter. Ich drehte mich extra schnell, um nicht wieder genarrt zu werden und sah keinen halben Meter neben mir in fahlem Lichte ein Skelett stehen. Selten in meinem Leben bin ich so erschrocken. Ich verstehe jetzt besser, was es heisst: zu Tode erschrecken. Auf den Tod war ich nicht gefasst.
Hinter dem Skelett verrichtete einer seine Arbeit. Er trug schwarzes Gewand mit aufgemaltem Skelett inklusive Totenkopf. Seine Aufgabe bestand darin, "Geisterfahrern" die Hand auf die Schulter zu legen und sie so zu erschrecken. In meinem Fall ist ihm das zu hundert Prozent gelungen. Er hat mich komplett überrumpelt. Einen Menschen hätte ich hier nicht erwartet! Ein Gott der Mensch wird, dass hat auch niemand erwartet.
Wo alle Selbstherrlichkeit zerbricht, "dort wird Heulen und Zähneklappern sein." Ich habe seit jenem Sommerabend ein ganz anderes Verhältnis bekommen zu diesem Wort aus dem Evangelium. Als hätte ich im Schreck für einen Augenblick hinter den Alltags-Vorhang gesehen auf jene kommende Stunde, wo Christus allein noch zu helfen vermag.
Pfr. Claudio Jegher, Interlaken