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Alt und wertlos
Sie sieht wirklich nicht mehr gut aus, so braun, verkrümmt und verdorrt. Gestützt muss sie auch noch werden. Die meisten hätten sie schon lange ausgerissen und entsorgt. "Die ist ja nichts mehr wert und macht wirklich keine Falle mehr." Wirklich?
Ich habe die alte Königskerze trotzdem länger als üblich stehengelassen und dafür auch viel Kritik geerntet. "Wie lange willst du die noch stehen lassen?" "Du könntest auch wieder einmal im Garten arbeiten!" "Soll die im Frühling immer noch stehen?" Und dergleichen. In den Augen vieler Zeitgenossen ist die alte Königskerze nutzlos. Mir ist sie inzwischen zum Gleichnis geworden.
Alt und für nicht mehr viel zu gebrauchen. Also weg damit. Ich höre das oft, wenn ich Besuche mache im Altersheim: "Ich bin nichts mehr wert." Manchmal mit dem Unterton leiser Verzweiflung, manchmal gänzlich resigniert oft auch entschuldigend. Ist der Wert auch der Selbstwert eines Menschen nicht mehr als eine Frage nach seiner Leistungsfähigkeit? Zwischen der Antwort einer sog. Leistungsgesellschaft und der Antwort der Bibel klafft ein tiefer Graben.
Durch Jesus Christus erfahren wir, dass wir Gott mehr wert sind als die Summe unserer Schand- oder Gut-Taten und mehr als der Kontostand unserer Produktivität. Rechtfertigung nennen Christen dieses Kernstück ihres Glaubens. Das ist etwas ungemein Anstössiges und auch Provozierendes. Ich trage meinen Wert als Mensch nicht in mir selbst, sondern ich habe ihn ausserhalb meiner selbst. Ich bin wertvoll, weil ich Gott wertvoll bin. Ich bin mehr, als ich leiste. Der Christus-Glaube lehrt mich das. Die verdorrte Königskerze in meinem Garten auch. An sich ist sie wertlos. Aber mir und ein paar anderen Kreaturen, die da "kreuchen oder fleuchen", ist sie wertvoll.
Verdorrt, verwelkt, unbrauchbar. Unbrauchbar? Bald schlagen wir den letzten Nagel in den Sargdeckel des ergrauten Jahres. Eines mehr auf dem Komposthaufen der Geschichte, ein weiteres, in welchem der Messias nicht abschliessend gekommen ist und die Welt da und dort schlechter und da und dort auch ein wenig besser geworden ist. Vielleicht begraben wir das alte Jahr für einmal nicht vorschnell unter einem Haufen guter Vorsätze fürs neue. Warum das Alte nicht noch ein wenig stehen lassen – wie die Königskerze in meinem Garten. Das Neue kommt früh genug. Sich dankbar erinnern, was alles sein durfte, was Freude bereitete, was reifer machte, was geschenkt wurde – es war bestimmt mehr, als wir verdient haben. Dankbarkeit lernen als Einsicht in die Abhängigkeit unseres Lebens. Ein anderer steht dahinter. Er wird auch im nächsten Jahr ganz anders sein, als ihn sich Menschen-Hirne ausbrüten.
Pfr. Claudio Jegher, Interlaken