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Wer wird König?
Onkel Werner wollte nie König werden. Er ass immer erst dann vom Dreikönigskuchen, wenn schon jemand gekrönt war. Dafür gab es einen guten Grund. In jugendlichem Eifer hatte er sich nämlich einmal ein Stück Zahn abgebissen, damals als der König im Teig noch nicht aus weichem Plastik war. Er musste zum Zahnarzt. Seitdem war er vorsichtig, übervorsichtig. Uns Kindern hat das gefallen, weil sich die Möglichkeit selber König zu werden dadurch verbesserte. Überhaupt, uns waren alle Mittel recht, erlaubte und unerlaubte, um das begehrte Stück mit dem König zu ergattern.
Als erstes drehten wir den Kuchen jeweils um, in der Hoffnung die Öffnung ausfindig machen zu können, wo Mutter oder Bäcker die kleine weisse Plastikfigur reingesteckt hatten. Diesbezüglich muss man übrigens klar festhalten: Die Versteck-Technik ist in den letzten Jahren besser geworden. Als zweites wurde der Kuchen dann abgetastet. Druck hat schon manchen König verraten. Die Kunst dabei: Der Kuchen sollte nach dem Prozedere noch völlig unversehrt aussehen und nicht wie von einer Dampfwalze platt gemacht. Dritter Versuch: Mit einer Stricknadel (unbedingt von der unteren Seite her, sonst sieht man' s) den Kuchen absuchen — ähnlich dem Suchverfahren nach Lawinenopfern. Ist zwar zeitraubend, aber Erfolg versprechend. Letzte Möglichkeit: Den König vom Vorjahr aufbewahren, im Mund verstecken, als erster ein Stück vom Kuchen nehmen und beim zweiten Bissen laut rufen: "Hurra, ich bin König!" Und dann unverzüglich als erste Amtshandlung den ganzen Kuchen beschlagnahmen. (Etwas später, wenn der "richtige" König aus dem Kuchen entfernt ist, kann man dann erst noch als generöser Kuchenspender auftreten.) —
Was uns Menschen nicht alles einfällt, wenn wir etwas unbedingt wollen! Wer gewillt ist zu suchen, der wird auch finden. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Würde mit demselben Eifer nach jenem König gesucht, der letztlich hinter der kleinen weissen Plastikfigur vom Dreikönigstag steht, er liesse sich bestimmt finden. "Wenn ihr mich sucht, so sollt ihr mich finden", lässt Gott sein Volk durch den Propheten wissen. Jesus verkürzt dann noch prägnanter: "Wer sucht, der findet." Aber wer kann finden, wenn er gar nicht (mehr) sucht? Schlimmer als Unwissenheit ist nur die Gleichgültigkeit — oder?
Ach ja, und dann wäre da noch dies: Das, was wir suchen, bekommt sein Geleit vom Gesuchten. Wer seine Brille sucht, der sucht nicht seine Brieftasche. Gerade das, was uns nicht (mehr) vor Augen steht, gibt dem Suchenden das Ziel vor. Das Gesuchte leitet die Sucherin. Wer den Christ-König sucht, der wird auch von ihm geleitet. Wir finden, was wir suchen, und wir ernten, was wir sähen.
Pfr. Claudio Jegher, Interlaken