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Beim Jäten
 Neulich. Im Garten. Unkraut aller Art zwischen dem „Grien“ (Rundkies). Also ist jäten angesagt. Auf den Knien. Eine mühsame aber irgendwie demütige Arbeit. Je näher ich am Boden bin, desto mehr Unkraut entdecke ich. Wie nahe will ich also ran gehen? Ganz nahe? Dann bin ich ja ewig dran. Begutachte ich das „Grien“ aber aus dem Fenster im ersten Stock, sehe ich kaum Unkraut. „Gibt es auf Erden ein Mass,“ fragt Hölderlin? Gibt es eines? Und wenn ja, welches ist das richtige?
Jetzt auf den Knien sieht alles anders aus. Es spriesst und quillt aus jeder Ritze und jedem Spalt. Der Mozart des Kalenders (Kästners Spitzname für den Wonnemonat) steht dem Musiker-Genie in Nichts nach. Eine urtümliche Schaffenskraft macht sich breit. Vitalität im Übermass. Mein Nachbar sieht das abgeklärter: „Das isch halt d’ Natur,“ sagt er. Selig sind die …
Irgendwann erzwingt mein Rücken eine Pause. Ich lehne zurück und begutachte mein Werk. Zum Henker! Nicht einmal ein Viertel ist geschafft, dabei habe ich doch fleissig wie die Ameisen um mich herum gerupft, gezupft und gestochert. Wahrscheinlich ist das einer der Hauptgründe, weshalb man in den Gärten auf dem Bödeli nur noch selten „Grien“ antrifft. Asphalt lässt sich einfacher reinigen. Einmal mit dem Gebläse drüber und null Komma sofort ist alles blitze blank. Ich brauche mehr Zeit. Dafür brauche ich nur Schraubenzieher Nummer fünf und einen Laubrechen. Habe aber alle Hände voll zu tun. Also nicht rumquatschen, sondern weiter jäten. Im Schweisse deines Angesichts sollst du Unkraut jäten.
Und plötzlich ist er da, dieser Geistesblitz. Mitten im Garten-Idyll ein Gleichnis. Genau so wird Auferstehung sein! Es wird Leben aus allen Ritzen und Spalten quellen. Im Übermass. Überall wird Lebendigkeit greifbar sein. „Und der Tod wird nicht mehr sein.“ Der Schöpfergeist wird Neues schaffen all über. Den Tod aber wird er abschaffen. Der wird es nicht mehr schaffen, all das Leben zu bremsen, das sich da breit macht und in die Höhe schiesst. Er wird es nicht schaffen, weil er überhaupt nichts schafft. Der aber schon Himmel und Erde schuf, der wird Neues schaffen.
Ich jäte weiter. Noch ist es nicht geschafft. Aber bis am Abend schaffe ich es. Vielleicht. Sonst ist morgen auch noch ein Tag. Und wenn ich dann nachts im Bett liege, die Augen schon geschlossen, denke ich an Carossas Gedicht vom alten Brunnen. „… der Kies beim Brunnen knirscht von harten Tritten, das helle Plätschern setzt auf einmal aus …“
Pfr. Claudio Jegher, Interlaken