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Eine Erbse
Silvesterabend. Es war mir zu lärmig, zu rauchig und irgendwie auch zu blöd. Also beschloss ich, einen Spaziergang zu machen. Draussen empfingen mich ein wolkenloser Himmel und eine sternklare Nacht. Ich ging ein paar Schritte, blieb dann stehen, staunte in den Sternenhimmel hinauf und vergass darüber die Zeit.
Ein guter alter Bekannter kam mir in den Sinn, seines Zeichens Doktor der Physik und Chemie, ein kluger Kopf und begeisterter Hobby-Astronom. Er konnte einem den gestirnten Himmel erklären wie nur wenige und kannte Fakten und Anekdoten in Hülle und Fülle.
Einmal demonstrierte er mir den Grössenunterschied einiger bekannter Himmelskörper. Der winzige Pluto im Vergleich zum riesigen Jupiter, der aber seinerseits schmächtig wirkt im Vergleich zu unserer Sonne und die wiederum mutiert zum klitzekleinen Kügelchen im Vergleich etwa zu Arcturus, einem der hellsten Fixsterne am Nachthimmel. Nimmt man zum Vergleich eine Erbse und setzt deren Grösse mit jener der Erde gleich, dann wäre Jupiter etwa so gross wie eine Orange, Pluto ein Stecknadelkopf, die Sonne ein grosser Medizinball und Arcturus grösser als die Kugel beim Mystery Park.
Eine Erbse. Aber was «kreucht und fleucht» nicht alles auf dieser Erbse! «oder wo noch trägt ein anderes gestirn sterbliches leben in ähnlicher fülle?» (Kurt Marti) Inmitten leblos kreisender Materie eine blaue Erbse mit Lebensformen in verschwenderischer Vielfalt. Klein aber fein.
Es gab Zeiten, da dachten die Bewohner dieser Erbse, sie seien das Zentrum des Universums und alles drehe sich nur um sie. Die Erbse galt als Nabel des Alls. Inzwischen hat man dazugelernt. Wer heute den Makrokosmos erforscht, kommt nicht herum, ganz tief in den Mikrokosmos einzudringen. Auf rätselhafte Weise sind das Allergrösste und das Allerkleinste miteinander verhängt.
Knallkörper reissen mich aus meinen Gedanken. Vereinzelt steigen Raketen in den Nachthimmel. Die Glocken der Schlosskirche beginnen zu läuten. Bald wird dem alten Jahr die letzte Stunde schlagen. Für viele Bewohner auf der Erbse ein feierlicher Moment. Sekt und Gläser stehen bereit. Gute Wünsche und hehre Vorsätze überbieten sich. Viel Lärm um nichts. In 365 Tagen wird die Erbse ein weiteres Mal den grossen Medizinball umkreist haben. «Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Oder ist etwas, von dem man sagen möchte: Siehe, dies hier ist ein Neues – ?» Koh 1,9f.
Pfr. Claudio Jegher, Interlaken