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Der letzte Grenzübertritt
 Noch zehn Kilometer bis zur russischen Grenze. Ich krame meinen Pass aus dem Handschuhfach und lege ihn bereit. Noch fünf Kilometer. Auf der rechten Spur stehen Lastwagen und warten in einer schier endlosen Kolonne auf ihre Abfertigung am Zoll. Auch für PKWs geht es nicht ohne Wartezeit ab. Also: Radio hören, aus der Flasche trinken, dem Hintermann zuschauen, wie er in der Nase bohrt, Motor ab-, Motor anstellen…
Meine Mitfahrer erzählen, in Zeiten des real existierenden Sozialismus hätten sie hier auch schon mal gut und gerne zwei Tage gewartet. Der Rekord liege bei knapp einer Woche. Ich schlucke leer und übe mich brav in Geduld.
Endlich sind wir an der Reihe. Der Zöllner murmelt etwas. Ich sage: „Hello“, denn Russisch spreche ich nicht. War das der Fehler? Oder war es das Schweizer-Kennzeichen? Oder einfach nur eine Laune des Grenzbeamten. Man weist uns zur Seite. Jetzt wollen sie es genau wissen. Wagen und Insassen werden gefilzt.
Meine polnischen Begleiter versuchen zu verhandeln. Wehe euch, wenn slawische Seelen zu diskutieren beginnen! Widerstand zwecklos. Das provoziert nur unnötig. Der Kofferraum muss auf, sämtliches Gepäck raus. Taschen, Tüten, Koffer, alles auspacken. Wenigstens regnet es nicht. Material-Kontrollen aus der RS kommen mir in den Sinn, als der Feldweibel bei jedem Rekruten noch die Nähnadeln im Mannsputzzeug nachgezählt hat. Ich muss unweigerlich lachen.
Sie wollen alles sehen: Türverkleidungen, Seitenablagen, Reserve-Rad – alles wird untersucht. Reine Schikane beteuern mir meine polnischen Begleiter. Mir ist’s inzwischen egal. Ich schaue amüsiert zu, schliesslich geschieht das einem verwöhnten Westeuropäer nicht alle Tage.
Irgendwann geben die Beamten auf. Nichts gefunden. Der Oberhammel verschwindet in seinem Zollhaus. Er bleibt lange drin. Sehr lange. Wir packen unsere sieben Sachen unterdessen wieder ein, und ich denke: So ähnlich wird das am Jüngsten Tag wohl auch sein. Beim letzten Grenzübertritt werden wir unser ganzes Leben auspacken und ausbreiten müssen. Nichts kann dann mehr versteckt oder verheimlicht werden. Auch das, was wir über all die Jahre geschickt verdrängt hatten, wird dann offen vor uns und vor Gott liegen. Ist es noch so fein gesponnen, dann kommt es an die Sonnen. In der Sprache und in der Hoffnung der Bibel ist Christus selber diese Sonne. Aber seine Anwesenheit bei diesem Grenzübertritt wird alles andere als Schikane sein, vielmehr eine einzige Wohltat. Gott sei Dank, dass er uns filzt und kein anderer!
Spät am Abend sind wir weitergefahren. Zeit zum Nachdenken blieb keine. Russische Strassen verlangen vom Fahrer vollste Konzentration.
Pfr. Claudio Jegher, Interlaken