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Känguru & Co.
Der Soldat presst die Schablone gegen die Fahrzeugtüre und streicht mit dicker, weisser Farbe kräftig darüber. Anschliessend entfernt er die Vorlage vorsichtig und auf der militärgrünen Karosserie prangt ein weisses Känguru – Erkennungszeichen der Logistik-Kompanie. Das Symbol ist gut gewählt, die Aussage klar: Wir sind schnell wie Kängurus, aus unserer Beuteltasche versorgen wir das Bataillon mit allem, was es braucht.
Jede Kompanie hat ihr eigenes Erkennungszeichen. Für die Grenadiere ein Rhinozeros – «Gring ache u düre», wer uns reizt, den machen wir platt. Eine Panzerkompanie, ausgerüstet mit Kampfpanzern Leopard 87, bedient sich eben dieser Wildkatze – wehe, wenn wir unsere Krallen zeigen, dann setzt es was. Eine andere Kampfeinheit vergleicht sich mit einem Skorpion – wir sind schnell und unser Stachel (denke: unsere Kanone) kann tödlich sein.
Zuhause in der Küche geschieht dieser Tage ähnliches, nur ist die Aussageabsicht ganz und gar nicht martialisch. Aus Backpapier hat Mutter einen Engel ausgeschnitten und legt diesen nun auf den ofenfrischen Weihnachtskuchen. Mit der Linken hält sie die Schablone, mit der Rechten streut sie sorgfältig Puderzucker darüber. Wie jedes Jahr.
Vor einigen Jahren fanden holländische Hobby-Archäologen die Reste eines römischen Gardehelmes. Auf der Vorderseite des Helmes war ein Christusmonogramm angebracht, bestehend aus den griechischen Buchstaben X und P (sprich: Chi und Roh), den Anfangsbuchstaben Ch-R-isti. Ursprünglich war der Eisenhelm gänzlich mit Silber überzogen und der kupferne Helmkamm gar vergoldet. Der Träger des Helms – ein Offizier – bekannte mit diesem Zeichen seinen Glauben. Er war Christ, und er wollte, dass jedermann, der ihm in die Augen schaute, dies auch sah, gemäss einem Wort seines Herrn: «Wer nun mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater.» Mt 10, 32
Kängurus, Skorpione oder Rhinozerosse auf Militärfahrzeugen stehen sinnbildlich für eigene Stärke und Schnelligkeit oder beides. X und P stehen symbolisch für den, dem zwar alle Macht gegeben ist im Himmel wie auf Erden, der aber zur Durchsetzung seines Anspruchs nicht die Macht des Stärkeren, sondern die Macht der Liebe bevorzugt. Denn die Macht des Stärkeren kann zwar den Gegner vernichten, aber für sich gewinnen kann ihn nur die Macht der Liebe.
Pfr. Claudio Jegher, Interlaken (zur Zeit im Militär)