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Quittengelee
Am Boden liegt eine Quitte. Ich hebe sie auf und halte sie in meiner Hand. Botanisch betrachtet gehört die Quitte in die Familie der Rosengewächse. Ein warmes, intensives Gelb springt mir in die Augen, da und dort kleine schwarze Flecken, eher schon Punkte. Eine Art feiner Flaum oder Pelz umgibt sie. Ich rieche an ihr. Der typische Geruch kitzelt meine Nase. Faustgross liegt sie in meiner Hand, hat ein ziemliches Gewicht und ist pickelhart.
Ich beginne zu überlegen, was man aus Quitten in der Küche alles machen kann. Zum Beispiel Quittengelee oder Quittensaft oder „Quittepäschteli“ (aus dem Quittenmus). Auf keinen Fall kann man sie roh essen. Zu hart und wenig schmackhaft. Ihr feines Aroma entwickelt sie erst, wenn man sie kocht. Am besten in Scheiben schneiden, mit Wasser bedecken und ca. eine Stunde kochen. Dann einen alten Hausfrauentrick anwenden: Küchenhocker umdrehen, an den Beinen ein sauberes Tuch befestigen, Schüssel drunter stellen und den edlen Saft auffangen.
In Gedanken versunken arbeite ich im herbstlichen Garten weiter. Plötzlich springt mich ein Gleichnis an. Roh ist die harte Quitte ungeniessbar. Wir müssen sie zuerst veredeln, damit wir sie essen können. Dann aber schmeckt sie und wie! Ob wir Menschen am Ende vor Gott auch wie Quitten sind – ziemlich hart und ungeniessbar? Muss uns der Gnädige auch erst veredeln, bevor wir bereit sind für seine Herrlichkeit? Und hat er dazu nicht seine ganz eigenen Mittel?
Zuerst lässt er uns am Baum des Lebens reifen, bis wir eine bestimmte Form und Gestalt haben. Im Zenit leuchten wir kräftig, sind stark und oft auch hart. Dann kocht er uns im Alter so richtig weich. Was einst blühte, ist nun welk und was früher strotzte, wird schwächer und schwächer. Und zu guter letzt werden wir durch das Geliertuch des Todes gestrichen. Da lassen wir dann wie die Quitten alles zurück, was vor Gott bedeutungslos ist – unser Äusseres, unsere Statussymbole und Leistungen, unsere Titel und Meriten.
Oft schon habe ich von Angehörigen gehört: „Der Vater ist weicher geworden im Alter. Früher hat es häufig Meinungsverschiedenheiten und Streit gegeben. Hart auf hart ist es da jeweils zu und her gegangen. Aber mit den Jahren ist er weichherziger geworden.“ (Auch von Müttern wird ähnliches berichtet.)
So veredelt uns Gott langsam aber stetig und bereitet uns für die Ewigkeit vor. Was aber edel ist, das ist auch wertvoll. Seht die Quitten im Garten! Seid ihr nicht mehr wert als sie?
Pfr. Claudio Jegher, Interlaken