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Schneeschmelze
Jaroty. Ein hässlicher Betongürtel umschnürt die Stadt. Sozialistischer Plattenbau und postsozialistische Tristesse eifern um die Wette. Spieglein, Spieglein an der Wand, wo ist es am hässlichsten im ganzen Land? Wer hier wohnt, ist nicht an der Goldküste geboren. Eine vier- oder fünfköpfige Familie in einer Zwei-Zimmer-Wohnung ist keine Seltenheit. Und wer seine Möbel bei IKEA kaufen kann, gehört bereits zu den sozial besser Gestellten.
Vor wenigen Tagen war Frau Holle hier. Da sah alles noch weiss und proper aus. Der Dreck war zugedeckt, die Hässlichkeit kaschiert, das Quartier wie verzaubert. Aber dann waren Brauntöne wieder im Vormarsch. Anstatt Kies oder Salz wurde Sand gestreut, der sich inzwischen mit dem Schnee zu einer ekligen Sülze vermischt hatte. Steigende Temperaturen setzten dem Schneeweiss ebenfalls zu. Zu allem Übel begann es auch noch zu regnen. Wer jetzt keine Gummistiefel hatte, bereute es schwer.
Die weisse Pracht verschwand und eine unglaubliche Schweinerei kam zum Vorschein. Bierflaschen, Taschentücher, Zigarettenschachteln und Hundekote boten ein widerliches Bild. Ob es wohl am Letzten Tag ähnlich sein wird? Ob dann das alte Sprichwort seine ganze Wahrheit entfalten wird: „Und ist es noch so fein gesponnen, es kommt doch immer an die Sonnen.“ Da liegen sie dann all unsere Missetaten, unsere schmutzigen kleinen Lügen, unsere verdreckte Nächstenliebe und verwahrloste Menschlichkeit. Schneeschmelze als Stunde der Wahrheit.
In den folgenden Tagen wurde es wärmer und wärmer. Vom Eise befreit waren Haus und Dächer. Die Sonne kam hinter dem Ofen hervor und heizte kräftig ein. Reinigungstrupps zogen durch die Strassen und taten ihr Bestes. Den Rest erledigte Mutter Natur. Mit dem leise anhebenden Frühling verschwand allmählich auch der Dreck. Aus braun wurde grün, aus kahl knospig, aus trostlos erträglich. Ob es wohl am Letzten Tag ähnlich sein wird? Ob dann das alte Bibelwort seine ganze Wahrheit entfalten wird: „Das Blut Christi macht uns rein von aller Schuld?“ Da stehen wir dann himmlisch gereinigt, mit weissen Kleidern und Freudentränen in den Augen, dass das Wunder der Vergebung so viel grösser ist als unsere Spatzenhirne.
Pfr. Claudio Jegher, Interlaken