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Dumme Amsel
Sommerzeit. Sonnenzeit. Die Tür zur Laube steht weit offen. Ich ziehe die Gartenschuhe aus und betrete das Haus. Ein ungewohntes Geräusch lässt mich aufhorchen. Ich sehe mich um und entdecke in einer Ecke des Raumes eine kleine Amsel. Als ich mich nähere, flattert sie heftig mit den Flügeln, will flüchten, stösst aber unsanft an eine Fensterscheibe. Fluchtversuch gescheitert. Etwas belämmert hockt sie nun am Boden. Einem weiteren Versuch meinerseits, sie zu fangen und in den Garten zu entlassen, weicht sie erneut aus und flüchtet unter den grossen Eichenschrank. Dort hockt sie in einem finsteren Winkel. Vor Schreck hämmert ihr Herz so stark, dass ihr ganzer kleiner Körper mitschwingt.
Ich setze mich auf den Sofarand und werde nachdenklich. Die Amsel hat Angst. Sie hat Angst vor diesem unbekannten und in ihrer Wahrnehmung riesigen Wesen, das da auf sie zukommt. Deshalb flüchtet sie. Dass ich ihr helfen will, sieht sie nicht. Sie verwechselt Hilfe mit Bedrohung. Ich lehne mich zurück. Die Fragen kommen. Ob es uns Menschen wohl ähnlich geht? Wir hocken doch manchmal nicht weniger hilflos in den Ecken unserer Lebenshäuser? Wer kennt es nicht – dieses Gefühl der Angst? Und rennen wir uns bei unseren Fluchtversuchen nicht genau so schmerzlich die Nase ein? Das Verhalten dieser Amsel – am Ende ein Gleichnis für unser Verhalten vor Gott?
Genug der Fragen. Ich öffne sämtliche Fenster, hole einen Stock und zwinge die Amsel, unter dem Schrank hervorzukommen. Sie flattert aufgeregt im Raum umher und setzt sich dann neben das schwarze Telefon. Vielleicht meint sie ja, das sei ein Artgenosse. Dumme Amsel. Dummer Mensch, der du dich neben Geschöpfe stellst, die dir ähneln, in der Meinung, die könnten dir helfen. "Beim Herrn ist die Hilfe." Ps 3, 9
Inzwischen hat sich auch noch der Hund hinzugesellt. Sein leicht schräg gestellter Kopf signalisiert mir, dass er das Treiben mit Interesse verfolgt. Vielleicht gibt’s ja unverhofft etwas zu fressen? Die Amsel scheisst bei so viel Gegenmacht vor Angst auf das biedermeier Tischchen und flieht auf den Schrank.
So kommen wir nicht weiter. Ich verlasse den Raum samt Hund und hole das Fischernetz meines Sohnes aus dem Keller. Menschenfischer – Amselfischer, was soll’s. Damit fange ich die Amsel und entlasse sie im Garten unter dem Gekreisch ihrer Geschwister in die Freiheit. Dann geht’s ans sauber machen. Dabei denke ich noch einmal: "Der will uns eigentlich nur helfen. Aber wir beschränkten Geister sehen es nicht. Und weil wir es nicht sehen, hat ER uns den Heiland offenbart. Damit wir unsere Angst verlieren vor seiner Übermacht und Zutrauen finden über den Umweg der Ohnmacht dieser Kreatur. ER will uns Gutes tun – auch dort noch, wo die Lage bedrohlich scheint."
Pfr. Claudio Jegher, Interlaken