Navigation
Eiersuche
Die Eier sind gut versteckt. Die Kinder zapplig wie an Heiligabend. "Dürfen wir jetzt endlich die Eier suchen?" Und dann geht die Sucherei los. Im Blumentopf, auf dem Bilderrahmen, unter dem Schrank … Überall kommen sie zum Vorschein.
Über die Eier und ihre Bedeutung an Ostern ist schon viel geschrieben worden. Aber das Suchen wird selten bis gar nie zum Thema. Das ist merkwürdig! Denn, dass wir an Ostern nicht nur Eier tütschen, sondern eben auch verstecken und suchen, dahinter steckt viel Bedeutsames.
Der erste Ostertag begann nämlich damit, dass ein paar Frauen das Grab Jesu aufsuchten, um ihn zu salben. Aber sie fanden ihren Herrn zuerst nicht. Sie suchten den Gekreuzigten, aber sie fanden nur ein leeres Grab. Sie suchten IHN bei den Toten. Aber da war er nicht. "Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten?" (Lk 24, 5) Sie suchten am falschen Ort, weil sie von falschen Erwartungen ausgingen. Sie dachten: "Der ist jetzt tot", aber bald einmal machten sie die Erfahrung: "Der lebt ja!"
Suchen und Finden, das gehört mehr noch als Eier und Schokohase zu Ostern. Suchen und Finden gehören zu den Urerfahrungen des Osterglaubens. Der Maria aus Magdala erging es dabei ähnlich wie den Kindern beim Eiersuchen. Das Naheliegende wird schnell übersehen. Der Brillenträger sieht die Brille auf der Nase nicht. Das einzig ungefärbte Ei vor dem Hintergrund der weissen Tapete. Leicht wird es übersehen. In einem der Osterberichte fragt Jesus die Maria aus Magdala: "Wen suchst du?" Und sie meint, es sei der Gärtner! Gefangen in ihrer Vorstellungswelt, erkennt sie den nicht, welchen sie eigentlich sucht.
Das Osterfest lädt dazu ein, aus dem Bannkreis unserer Vorstellungswelt auszubrechen. Nicht wie Neurotiker zum tausendsten mal am selben Ort zu suchen, sondern andernorts – im Gebet, in einem Schriftwort, in der Gemeinde derer, die er selber im Gottesdienst aufsucht. Und das ist wohl das letzte und tiefste Geheimnis, welches die Christenheit in der Person Jesu Christi feiert, dass er selber uns aufsucht in unserer Suche. Er sucht uns heim, und wen er findet, den bringt er heim zum Vater. Suchen, um gefunden zu werden. Erkennen und erkannt werden von dem, der nicht sichtbar und doch erfahrbar ist. Das Geheimnis von Ostern. Das einzige Geheimnis in dieser Welt, das nicht kleiner wird, wenn es viele miteinander teilen, sondern grösser. "Sucht, so werdet ihr finden!"
Pfr. Claudio Jegher, Interlaken