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Eine kleine Odyssee
Auf dem Armaturenbrett leuchtet eine Kontrollampe auf. Vorne links scheint etwas mit dem Licht nicht in Ordnung zu sein. Ich halte den Wagen an, steige aus – und tatsächlich: ein Leuchtenausfall. Mein Auto hat ein Einauge. Eigentlich keine grosse Sache. Aber wenn man mehr als 1200 km von zu Hause entfernt ist und es vorzieht, nachts zu fahren, vielleicht besser eine Garage aufsuchen und die Bagatelle reparieren lassen. Der polnische Mechaniker kapiert schnell und sorgt für Ersatz.
Tage später auf der Rückreise winkt mich der deutsche Zöllner raus und deutet auf mein linkes Vorderlicht. "Das gibt’s doch nicht", denke ich, steige aus, aber wirklich: Die linke Lampe brennt viel heller als die rechte. "Hat mir dieser polnische Mechaniker etwa eine falsche Birne reingesteckt?" Also noch einmal Garage. Ich zücke die Fahrzeugunterlagen, blättere alles durch und werde fündig: Ford Euro Service. "An jedem Ort zu jeder Zeit: bei Anruf schnelle Hilfe." "Klingt gut." Ich greife zum Handy und wähle die vorgegebene (gebührenfreie) Nummer für Deutschland. "Diese Rufnummer ist regional begrenzt." "Was soll jetzt das?" Dann wähle ich eben die Nummer für die Schweiz. "Diese Rufnummer ist regional begrenzt." "So ein Quatsch!" Weiter unten lese ich: "In Notfällen im Ausland können Sie ausnahmsweise die Hilfe unter folgender Nummer verlangen: …" "Gut, dann mache ich eben eine Ausnahme." Es nimmt niemand ab. Nach dem dritten Versuch gebe ich entnervt auf. "Die versprechen das Blaue vom Himmel, aber der im Himmel hält seine Versprechen besser", denke ich bei mir. Ob er jetzt vielleicht sogar lacht, so wie es im Psalm heisst: "Der im Himmel thront, lacht." (Ps 2, 4) "Sicherheitsservice ohne Grenzen" und "Service, auch wenn es schnell gehen muss" lese ich noch, dann werfe ich den unnützen Hochglanz-Prospekt auf den Rücksitz.
In meinen Fahrzeugunterlagen finde ich einen weiteren Prospekt: Ford-Assistance. "Wir kümmern uns um Sie und Ihren Ford", und eine adrette Dame mit Telefon lächelt mir entgegen. "Irgend so etwas in der Art brauche ich jetzt." Ich wähle die nächste Nummer, eine schweizer Nummer. "Dieser Swisscom-Teilnehmer hat einen neuen Anschluss, die Nummer lautet …" Direktwahl nicht möglich, also noch einmal anrufen, neue Nummer notieren, neue Nummer wählen, … "dieser Swisscom-Teilnehmer hat einen neuen …" "Na also jetzt schlägt’s Zwölf! Zuviel ist zuviel!" Dritter Anlauf. Ein Herr am Apparat. Er kann mir nicht weiterhelfen. Ich müsse eine Nummer in Deutschland anwählen. Ok, nächste Nummer. Wir kennen das Spiel allmählich. Langsam werde ich neugierig, wie lange das noch so weiter geht. Der nächste Herr am Apparat – diesmal aus Deutschland. Hier sei ich falsch, da müsse ich schon bei der Pannenhilfe anrufen. Aber ich habe doch nur ein klitzekleines Problem, er soll mir einfach die nächste Ford-Garage unweit der Autobahn nennen, damit ich die ansteuern kann, bevor Feierabend ist. Nächste Nummer … Ich habe sage und schreibe zwölf mal telefoniert, bis mir endlich eine Dame am anderen Ende der Leitung eine Ford-Garage unweit meiner Reiseroute angeben konnte und das im Zeitalter von Computer und Handy, wo alle von Vernetzung sprechen und jede Hosenträger-Firma weiss, dass Kundenservice das A und O ist. Zumindest sprachlich hat Service etwas mit Dienen und nicht mit Verdienen zu tun.
Pfr. Claudio Jegher, Interlaken