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Betet, freie Schweizer, betet!
Ein besonderer 1. August steht ins Haus: 150 Jahre Bundesstaat. In etwa gleich alt wie unser Bundesstaat ist auch unsere Nationalhymne. 1841 wurde der Schweizerpsalm vom Zisterzienserpater Alberik Zwyssig komponiert. Der ersten Strophe ist die Aufforderung: "Betet, freie Schweizer betet!" entnommen. Nicht gerade Thema für eine 1. Augustrede — oder doch? — aber bestimmt Thema für einen Sonntagsgedanken am Nationalfeiertag.
Unsere Nationalhymne ist eigentlich gar keine Hymne auf unser Land, sondern eine Hymne auf Gott. Mit verschiedenen Prädikationen wird Gott in diesem Hymnus angeredet, bzw. besungen: du Hocherhabener, du Menschenfreundlicher, Herrlicher, Liebender, Rettender! Alles Prädikationen aus der christlichen Tradition, die zu unserem Land gehört, wie das weisse Kreuz auf rotem Grund.
Von dieser Tradition ist an den heutigen 1. Augustfeiern in der Regel wenig übriggeblieben. Anderes gibt den Ton an, je nach politischer Couleur Kritisches oder Beschwörendes, Streicheleinheiten oder Ohrfeigen, Seelenstriptease oder Nabelschau. Die Aufforderung zum Gebet nimmt sich da eher wie ein Anachronismus aus. ´Betet, freie Schweizer, betet" — und wo bitte bleiben die Schweizerinnen?
Dabei gäbe es doch eigentlich genug Anlass für ein ehrliches Gebet. Oder nicht? Ein Gebet in dem nicht nur der Dank seinen Platz hätte, sondern auch die Bitten für jene, die an unserem Nationalfeiertag keinen Grund zum feiern haben. Ein solches Gebet könnte auch helfen, den Dreck am Stecken abzuarbeiten, der sich im Laufe der Geschichte angesammelt hat. Es könnte uns in einem ganz neuen und dann auch ganz anderen Sinn frei machen, viel freier als die freiheitlichen Parolen, welche auch an diesem 1. August landauf, landab zu erwarten sind. Beten befreit. In erster Linie von sich selber, weil beten immer heisst, sich auf den ganz Anderen zu konzentrieren. Auf jenen hocherhabenen, herrlichen Retter, der letztlich über diese Welt regiert und also auch über unser Land.
"Not lehrt beten", besagt ein bekanntes Sprichwort, und schon manches Volk hat das Beten gerade im Wohlstand wieder verlernt. Vielleicht denken Sie daran, wenn Sie das Feuerwerk in den Nachthimmel steigen sehen, dass da einer zuschaut, der über Zeit und Raum steht und deshalb gerade in jeder Zeit und an jedem Ort von brennender Aktualität ist. "Heil dem Volke, dessen Gott der Herr ist." (Ps 33, 12a)
Pfr. Claudio Jegher, Interlaken