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Das Kalorien-Schwein
"Ihr Gewissen schweigt vielleicht, dieses Schwein garantiert nicht: Nächtliche Kühlschrankbesuche meldet es unerbittlich mit einem grunzenden Quieken – dank des Sensors, der bei Lichteinfall reagiert." Ich reibe mir die Augen, als ich den Katalogbeschrieb lese. So was saublödes! Ein "Schwein aus flexiblem Kunststoff" als Diäthilfe. Ich versuche mir die Szenerie real vorzustellen und muss unweigerlich lachen. Abends wird das Schwein in den Kühlschrank gestellt neben den Rindsbraten, die Cremeschnitten und die restlichen Spaghetti. Und wenn sich dann nachts der Gourmand von einer Fressattacke geplagt auf leisen Sohlen dem Kühlschrank nähert, sachte die Tür öffnet, quietscht die Sau jämmerlich. Ob das einem wirklich dermassen den Heisshunger verschlägt, dass man die Kühlschranktüre wieder schliesst? Quatsch mit Sauce! Die Sau wird einfach ruhig gestellt und dann wird hemmungslos gefuttert.
Wir Menschen meinen doch immer wieder, wir könnten uns aus eigener Kraft zurechtbiegen. Einfach ein mit Batterien gespicktes Plastik-Schwein anschaffen und schon gelingt die Diät. Am liebsten hätten wir es wahrscheinlich so wie der Freiherr von Münchhausen, der sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zog. Dagegen steht allerdings die Natur – unsere Natur. Bestimmt, ein starker Wille ist etwas gutes, und oft ist da auch ein Weg, wo ein Wille ist. Aber manchmal ist da eben kein Weg. Und dann helfen weder Disziplin noch Plastik-Schweine weiter. Dann brauchen wir Hilfe von aussen, die Hilfe eines Arztes, eines Freundes, eines Seelsorgers …
Es gehört zu den Grundpfeilern christlichen Glaubens, dass er seine Hilfe und sein Heil ausserhalb seiner selbst denkt und sucht. Jesus kam in die Welt, die Welt ist nicht zu ihm gekommen. "Die Gnade und die Wahrheit ist durch Jesus Christus gekommen", heisst es bei Johannes (1, 17). Die Welt hat Gott nicht aufgesucht, er hat sie in seinem Sohn heimgesucht. Gewiss, wenn wir Hilfe brauchen, dann müssen wir die Ärztin, die Freundin oder die Seelsorgerin selber aufsuchen, aber wir machen dann einen ersten Schritt von uns selber weg und räumen damit auch ein, dass wir bei uns selber eben keine Hilfe finden. Und wenn einer seine Hände faltet und zu beten beginnt, dann blickt er auch von sich weg auf den ganz Anderen.
Unser Gewissen schweigt eben gerade nicht, wenn wir Plastik-Schweine in den Kühlschrank stellen. Im Gegenteil: Es klagt uns an und lässt uns solchen Schrott kaufen. Unser Gewissen sagt uns dauernd, wie wir sein müssten, aber es hilft uns nicht, auch so zu sein. Deshalb fruchten all die Appelle an das Gewissen auch so wenig. Hilfe ist etwas, das von aussen kommt und nicht von innen. Anstatt ein Kalorien-Schwein anzuschaffen, besser eine Ernährungsberaterin aufsuchen.
Pfr. Claudio Jegher, Interlaken