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Monsieur X
Er sieht nicht gut. Es geht ihm auch nicht gut. Monsieur X kommt aus Genf. Aber zu Hause ist er dort nicht, weil er gar kein Zuhause mehr hat. Jetzt steht er in meiner Türe. Seine Gestalt ist hager, seine Haare strähnig, sein Blick trübe. Er möchte Geld. Bekäme er welches, würde er es verflüssigen. Er weiss, dass ich ihm kein Geld gebe. Er kommt trotzdem. Monsieur X lebt auf der Strasse – und auf der Schiene.
Als er das erstemal auftauchte und mir erzählte, dass er aus Genf komme, hat mich das nicht sonderlich stutzig gemacht. Schliesslich kommen Touristen aus allen Herrenländern nach Interlaken. Warum also nicht ab und zu auch einmal ein Bettel-Tourist? Als Monsieur X dann zum zweiten mal bei mir auftauchte, bin ich doch stutzig geworden. Genf? Interlaken? – Wie kommen sie eigentlich hier her, Monsieur X? – Er besitze ein GA. Ein GA? Wie bitte? – Ja, wer bezahlt ihnen denn das? Das Sozialamt. Was?!
Monsieur X erzählt mir, dass irgend ein Sozialamt ihm sein GA finanziere. Das sei für den Staat am billigsten, viel billiger als eine Wohnung. Und ihm sei es auch recht so. Mir beginnt es zu dämmern. Was auf den ersten Blick den Anschein von Grosszügigkeit macht, entlarvt sich bei näherer Betrachtung als knallhartes Kalkül. Ein GA ist bestimmt günstiger als die Miet-Summe für ein ganzes Jahr. Und es hat sogar noch ein paar erwünschte Nebenwirkungen. Monsieur X ist ein wenig unterwegs. Er dümpelt nicht bloss vor sich hin. Arbeit findet er eh keine mehr. Dazu ist er weder physisch noch psychisch in der Lage. Der Mann ist nicht nur ausgesteuert, sondern auch abgehängt von der Gesellschaft. Sein Zug zurück in ein sogenannt normales Leben ist definitiv abgefahren. Da würde auch die kämpferischste 1. Mai Feier nichts mehr ändern. Da könnte man Feiern bis zum Abwinken, sein Zug ist weg. Die Melodie zu seinen irdischen Tagen gleicht eher Mani Matters "Lied vo de Bahnhöf, wo dr zug geng scho abgfahren isch."
Keine Zukunft mehr? Stimmt das wirklich? Stimmt das für Menschen, die an den Gott der Bibel glauben? "Ich, der Herr, gewähre euch eine Zukunft und Hoffnung" schrieb Jeremia an die vertriebenen Israeliten im fernen Babel. Wie sieht sie aus, die Zukunft und Hoffnung für Monsieur X? Noch ein paar Jahre Zug fahren und betteln, bis der ICE nach drüben abfährt? Und das soll's dann gewesen sein?
"Es geschah aber, dass der arme Lazarus starb und von den Engeln in Abrahams Schoss getragen wurde …" (Lk 16, 19ff.) Vielleicht ein schwacher Trost, aber immer noch besser als gar keiner. Vielleicht auch eine zu schwache Warnung, aber immer noch besser als gar keine.
Pfr. Claudio Jegher, Interlaken