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Rabengesang
Irgendwann fiel der grosse Baum einer Kettensäge zum Opfer. Das brachte Unruhe in den ansässigen Vogelbestand. Also wurde die Hackordnung neu erstellt. Und es kehrte wieder Ruhe ein. Ein Krähenpärchen, seit Jahren im Quartier angemeldet, sitzt nun des öfteren auf dem Nussbaum — unmittelbar vor meinem Fenster im zweiten Stock. Manchmal beobachten sie mich (und ich merke es nicht) und manchmal beobachte ich sie (und sie merken es nicht). Ihr krächzender Ruf ist so unüberhörbar wie ihr Äusseres unübersehbar. Das schwarze Federkleid von einem zauberhaften blaugrünen Glanz überzogen. Seht die Vögel des Himmels!
Rabenvögeln wird allerlei Mythologisches nachgesagt. So verdankt etwa die italienische Stadt Ravenna ihren Namen den Raben: Raven-na. Vielen Völkern gilt der Rabe als Vogel der Weisheit oder als Seelenvogel. Dem nordischen Gott Odin brachten der Sage nach zwei Raben Nachricht aus aller Welt. Sie galten aber auch als Getier des Teufels und Vorboten des Todes, wahrscheinlich ihrer schwarzen Erscheinung wegen.
Das Krähenpaar auf dem Nussbaum hat nichts Teuflisches an sich — im Gegenteil. Da hocken sie auf ihrem Ast — die eine wacht, die andere verzehrt eine Nuss. Krähen bleiben sich ein Leben lang treu, sind anpassungs- und lernfähig, können andere Tiere, auch menschliche Sprache, nachahmen und sind äusserst gewitzt. La Fontaine ist ihnen in seinen Fabeln nicht gerecht geworden.
Da, plötzlich werden die Krähen auf dem Baum nervös. Irgend ein Feind wird wohl im Anmarsch sein. Die Nuss fällt vom Ast, ein krähentypisches Gekrächze zerreisst die Stille. Und dann, dann lassen sie sich einfach in den Wind fallen und weg sind sie. Warum erzähle ich das alles? Es ist dieses Fallen und Getragen werden, das mich buchstäblich nicht mehr loslässt. Die Krähen fielen in den Wind, und der trug sie davon. Das ist mir zum Sinnbild für Glauben geworden. Nicht selber rudern und sirachen bis ans Limit. Einfach fallen lassen und getragen werden.
"Seht die Vögel des Himmels: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in Scheunen, und euer himmlischer Vater ernährt sie. Seid ihr nicht mehr wert als sie?" (Mat 6, 26) Nein, wer sich nicht fallen lässt, wird niemals erfahren, dass er im Letzten getragen wird. Wer sich selber nicht loslassen kann, wird den Anderen auch nicht entdecken. Glaube wäre da die Entdeckung, dass ER mir mehr Halt gibt, als ich je halten kann. Seht die Krähen auf dem Nussbaum: Sie lassen sich fallen und fallen doch nicht um.
P.S. Dieser Rabengesang ist zugleich ein Schwanengesang. Ab 2001 werden die "Sonntagsgedanken" von Pfarrerinnen und Predigern aus der Region neu im Anzeiger für das Amt Interlaken erscheinen.
Pfr. Claudio Jegher, Interlaken