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Selbsterkenntnis
Es war in einem Museum in Berlin. Vor mir ein Möbel, eine Art überdimensionaler Schubladenstock. Thema des Raumes: Die drei Weltreligionen – Christentum, Judentum, Islam. Für jede Religion hatte das Möbel eine Schubladenspalte in der Senkrechte und mehrere Schubladenreihen in der Waagrechte. Die Schubladen demnach so angeordnet, dass der Besucher vergleichen konnte.
In der ersten Reihe die schriftlichen Quellen der jeweiligen Religion: Die Bibel für Christen, die Thora für Juden, der Koran für Muslime. Jede Reihe also einem Thema gewidmet, und jede Schublade fein säuberlich angeschrieben. Dazu Kommentare und Erklärungen. Über den Schubladenspalten die entsprechenden religiösen Insignien: Kreuz, Davidsstern und Halbmond. Eine interessante Präsentation und für pädagogische Zwecke durchaus kopierwürdig.
In der zweituntersten Reihe trug jede Schublade das Bild des kleinen Bären. Der kleine Bär war im Museum der persönliche Begleiter der Kinder. Einfach dem kleinen Bären folgen, so wurde es auch für die Kleinsten spannend. Es gab viel zu entdecken.
Und dann die unterste Schubladenreihe... Im Unterschied zu den darüberliegenden trugen die Schubladen in dieser Reihe alle die gleiche Aufschrift: Selbsterkenntnis. Auch der Inhalt in den drei Schubladen war der selbe: Ein Spiegel. Erkenne dich selbst! Ein gelungener Effekt mit hohem Symbolgehalt. Wer sich die Mühe nahm und bis auf den Grund ging, entdeckte am Ende sich selber. Religion als Weg zur Selbsterkenntnis. Egal in welcher Schubladenspalte ich die Schublade auszog, ich habe immer mich selber gesehen.
Neu ist die Idee nicht. Sie ist uralt. Antike Grüsse aus Delphi. Erst der Umweg über die Gotteserkenntnis führt zur Selbsterkenntnis. Für alle drei Religionen dabei entscheidend: Gott gibt sich zu erkennen. Er offenbart sich in aller Freiheit wem und wann er will. Die Offenbarung des Ewigen kann nicht erzwungen werden. Sie kann auch nicht bewiesen werden. Absolut unverfügbar. Aber sie kann Sprache gewinnen. Und dann reden Menschen darüber.
Selbsterkenntnis ist kein gemütlicher Sonntagsspaziergang, auch wenn es auf einem solchen durchaus zu Erkenntnismomenten seiner selbst kommen kann. Selbsterkenntnis ist häufig ein schmerzlicher Prozess, weil wir selten sind, was wir sein möchten und häufig sein möchten, was wir nicht sind. Dennoch ist sich selber zu erkennen, sich zu verstehen und also sinnstiftend deuten zu können, ein menschliches Grundbedürfnis. Wer bin ich? Ein Spiegel allein genügt da nicht. Echte Selbsterkenntnis setzt Gottes Offenbarung voraus. Ohne IHN geht’s nicht. Ohne ihn herrscht nur Tohuwabohu.
Pfr. Claudio Jegher, Interlaken