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Turmerlebnis
Der Titel – das heutige Datum – dem Kundigen dämmert es bereits. 31. Oktober 1517 Thesenanschlag Luthers. Die Reformation kommt ins Rollen. Zwei Jahre später dämmert es dem Doktor der Theologie in seinem Arbeitszimmer im Wittenberger Klosterturm endgültig. In seinem Denken wurde es heller und heller, als ihm die Erkenntnis zuteil wurde, dass Gottes Gerechtigkeit keine übermenschliche Forderung ist, sondern gnädiges Geschenk des Barmherzigen an den Menschen. Sein sog. Turmerlebnis bildet einen der Eckpfeiler der Reformationsbewegung, welche die abendländische Geschichte nachhaltig, nota bene bis heute, geprägt hat.
Über dieses Erlebnis schreibt Luther ausführlich in der Vorrede zum ersten Band der Wittenberger Ausgabe seiner lateinischen Schriften. Er hätte das Wort Gerechtigkeit Gottes anfänglich gehasst, schreibt er, "bis ich", so Luther wörtlich, "dank Gottes Erbarmen, unablässig Tag und Nacht darüber nachdenkend, auf den Zusammenhang der Worte aufmerksam wurde, nämlich: Gottes Gerechtigkeit wird darin offenbart: Der Gerechte lebt aus Glauben. Da begann ich, die Gerechtigkeit Gottes zu verstehen als die, durch die als durch Gottes Geschenk der Gerechte lebt, nämlich aus Glauben, und dass dies der Sinn sei: Durch das Evangelium werde Gottes Gerechtigkeit offenbart, nämlich die passive, durch die uns der barmherzige Gott gerecht macht durch den Glauben. Da hatte ich das Empfinden, ich sei geradezu von neuem geboren und durch geöffnete Tore in das Paradies selbst eingetreten."
Das Besondere an Luthers Turmerlebnis besteht aber nicht allein in dieser wiedergewonnen Einsicht in die evangelische Grundwahrheit, es besteht ebenso darin, dass hier ein Einzelner gegen die geballte Macht der (theologischen) Tradition aufbegehrt. Wenige Jahre vor seinem Turmerlebnis war Luther auf einer Romreise noch "wie ein toller Heiliger" durch alle Kirchen und Katakomben gelaufen, um ja all die Ablässe zu gewinnen, die mit deren Besuch verbunden waren. Erst allmählich und nicht schlagartig befreite sich Luther davon, und selbstkritisch bemerkt er später: "Gewohntes zu lassen ist schwer." Beim Kirchenvater Augustin fand er dafür Bestätigung: "Gewohnheit wird Zwang, wenn man ihr nicht widersteht." Ein Gedanke, den schon Cicero äusserte und dem Schiller die schönste Gestalt gab: "Die Gewohnheit nennt er (nämlich der Mensch) seine Amme." In der Moderne heisst das dann gänzlich abgeschminkt: "Der Mensch ist ein Gewohnheitstier."
Ein (Sonntags-)Gedanke dem es sich lohnt am morgigen Reformationssonntag anhand der Bibel etwas nachzudenken. Gott ruft uns aus Gewohntem heraus, damit wir nicht in (Sach-)Zwängen stecken bleiben, sondern als von Gott befreite Menschen zu neuen Ufern aufbrechen können.
Pfr. Claudio Jegher, Interlaken