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Was ist das?
Es ist grösser als Gott und schlimmer als der Teufel. Die Armen haben es, die Reichen brauchen es. Wenn man es isst, stirbt man. Was ist das? – Das ist zunächst einmal ein Rätsel. Aber wie lautet des Rätsels Lösung?
Die Frau sass in sich zusammengesunken am Tisch und starrte vor sich hin. "Wissen Sie, Herr Pfarrer, mir ist das ganze ein Rätsel", sagte sie mit einem Anflug von Verzweiflung in der Stimme. "Warum lässt Gott solches zu?" Ich musste leer schlucken. In meinem Kopf rasten die Gedanken auf der Suche nach einer tragfähigen und tröstlichen, aber auch ehrlichen Antwort. "Ja, warum lässt Gott solches zu?", wiederholte ich die Frage, um etwas Zeit für eine Antwort zu gewinnen. – "Vielleicht müssen wir die Frage ja umkehren: Warum haben wir es zugelassen?" – "Schon möglich", meinte sie nach einer kurzen Pause. "Aber es bleibt mir dennoch ein Rätsel."
Mir fiel ein Wort von Chesterton ein. Ich verpackte es als Frage. "Vielleicht sind ja die Rätsel Gottes befriedigender als die Lösungen der Menschen?" – Pause. – "Meinen Sie?" – "Ich denke schon, denn in unseren Lösungen sind meistens schon die Miseren von morgen enthalten." "Sie meinen also, dem Rätselhaften wohne am Ende auch etwas Gutes inne?" – "Zumindest machen uns Rätsel nachdenklich. Und das ist in aller Regel hilfreich. Wir verlieren dadurch an Oberflächlichkeit. Im Alten Testament beim Jesus Sirach heisst es von Gott sogar: Mit Rätseln setztest du die Völker in Erstaunen. (Jes Sir 47, 17) Und die Alten haben im Staunen so etwas wie den Anfang des Nachdenkens und also des Menschseins überhaupt gesehen." –
"Das habe ich mir noch nie so überlegt …" "Können wir denn Rätsel überhaupt eigenhändig lösen? Lösen die sich nicht von selber auf? Lösungen haben wir doch nur dann, wenn die sich uns auch anbieten." "Anbieten? – Das würde ja heissen: Wir tappen im Dunkeln, bis das Licht auf uns fällt." "Irgendwie so. Ich könnte es nicht schöner sagen." "Und wenn das Licht dann auf uns fällt, dann sind urplötzlich alle Rätsel gelöst und alle Sorgen verflogen." "Ja, so wird's wohl sein, wenn unsere Rätsel sich in Gottes Herrlichkeit auflösen." "Dann würde uns das Rätselhafte ja gar nicht von Gott wegrücken, sondern uns im Gegenteil ihm näher bringen." "Genau! Recht bedacht ist das Rätsel nur der Vorbote eines Grösseren." "Das Rätsel ein Engel des Geheimnisses. Ein schönes Bild." "Auch ein treffendes." – "Vielen Dank!" "Danke Ihnen!"
Ach so, des Rätsels Lösung noch! Was ist das? – Nichts.
Pfr. Claudio Jegher, Interlaken