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Sanders macht’s anders
Erhalten Sie auch so viel Post zur Zeit? Es macht ganz den Anschein, als folge auf den heissen Sommer nun ein heisser Wahlherbst. Nur dass die meisten Wahlversprechen mehr Strohfeuer gleichen als Höhenfeuer. Erstaunlich, wer sich alles plötzlich wieder an mich erinnert! Woher die bloss meine Adresse haben? Sogar von Hand geschrieben, damit ich auch ja drauf reinfalle und den Propagandamüll nicht vorschnell entsorge. Noch erstaunlicher aber: Welche Funktionen, Präsidien und Chargen da als Wahlargument ins Feld geführt werden. Sind das spezielle politische Auszeichnungen, wenn jemand Kaninchenzüchter, Mitglied des Trachtenclubs oder Feldprediger ist? Verstehen die deswegen mehr von Finanz-, Sozial- oder Rüstungspolitik? Oder soll das einfach nur Sympathien wecken? Der ist mir sympathisch. Den wähle ich. Der lächelt so nett. Da kann man heute, falls nötig, auch digital etwas nachhelfen. So ein Lächeln ist eben ansteckend und "schwupps" ist die falsche Liste eingeworfen. Ob diese Charme-Welle wohl die richtige classe politique nach Bern schwemmt?
Wäre nicht an erster Stelle Sachkompetenz gefragt? Aber wie wollen Sie das in einer von Technik und Medien auf Sekundeneinheiten getrimmten Kommunikationsgesellschaft vermitteln? Dafür reicht der Platz nicht aus. Dafür ist die Konkurrenz zu gross. Die Mittel zu knapp. Das Interesse zu schlapp. Also: Bitte lächeln!
Dabei steht uns das Wasser doch bis zum Hals. Oder etwa nicht? Wer mag denn heute noch pink denken, wenn alle black sehen? Sind wir nicht schon so vernetzt, dass wir bereits heillos verstrickt sind? Fällt in den Alpen ein Baum auf eine Hochspannungsleitung, geht in Italien gar nichts mehr; der Flügelschlag eines Schmetterlings vor der Küste Shanghais kann einen Taifun auslösen; und ein verschleppter Virus genügt, um ganze Hühnerfarmen in Sondermüll zu verwandeln. Ob da ein Pepsodent-Lächeln genügt?
Ach woher auch — ich will doch unsere zukünftigen Politikerinnen und Politiker nicht durch den Kakau ziehen! Es wird nicht besser, wenn wir alle zu heulen und zu jammern beginnen. Aber Hand aufs Herz: Nach was für Kriterien wählen wir eigentlich? Warum geben wir Hinz oder Kunz die Stimme und nicht Frau Vernunft oder Herr Verstand? Bilden Steckenpferde und Vorlieben nicht eine denkbar schlechte Grundlage für nachhaltige Politik? Sympathie als Wahlkriterium? Gott sei Dank gibt es auch noch ein Reich, das nicht von dieser Welt ist! Sonst hätten wir alle gar nichts mehr zu lachen.
A propos Lachen. Die verbalen Rohrkrepierer gewisser KandidatInnen sind köstlich. Ausserdem wäre es jetzt an der Zeit, wieder einmal das bissige Lied von Mani Matter anzustimmen — Ballade vom Nationalrat Hugo Sanders. Der gute Sanders wollte alles anders machen und hat am Ende seiner Amtsdauer gar nichts verändert. Nachzulesen in: Mani Matter: Warum syt dir so truurig?, Benziger/Patmos Verlag, 2000, 15. Auflage. Oder rufen Sie an, dann singen wir’s gemeinsam.
Pfr. Claudio Jegher, Interlaken