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Der Fürsprecher
Kamera läuft. Klappe die erste. Max Muster ist es unwohl. Er starrt auf die Uhr an der Wand. Noch fünf Minuten bis zu seinem Gerichtstermin. Neben ihm sitzt sein Fürsprecher und studiert Akten. Ein alter Routinier, der die Nervosität seiner Klienten zwar kennt, aber längst nicht mehr teilt. Max Muster weiss, dass er Unrecht getan hat. Er weiss es nur zu gut. – «Und», fragt der Fürsprecher in die Stille hinein, «sind wir bereit?» – «Muss ja wohl», kommt es kleinlaut zurück. – «Sie sind ja kreidebleich.» – «Hab mich schon besser gefühlt.» – «Ich krieg das hin. Wird schon werden.» Um den Mund von Max Muster macht sich der Anflug eines Lächelns breit. Er ist froh um diesen Fürsprecher. Wenigstens einer, der ihm Mut macht. Schnitt.
Kamera läuft. Klappe die zweite. Die Jünger sind traurig. Johannes wischt sich Tränen ab. Philippus starrt ins Leere. Seit Tagen nun versucht ihnen der Meister seinen eigenen Tod schmackhaft zu machen. Dabei waren sie doch so voller Zuversicht, dass dieser Jesus aus Nazareth auch wirklich der Messias sei. Und jetzt das: «Es ist gut für euch, dass ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, wird der Fürsprecher nicht zu euch kommen; wenn ich aber gehe, werde ich ihn zu euch senden.» – «Aber Rabbi, wir wollen keinen Fürsprecher, wir wollen dich.» – «Petrus, du redest von Dingen, die du noch nicht verstehst. Der Fürsprecher, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, er wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.» – «Wird er auch so freundlich sein wie du?» – «Er wird für euch wie ein guter Freund sein und euch helfen, wo er kann.» – «Ich weiss nicht …» Schnitt
Kamera läuft. Klappe die dritte. Ein Altersheim in Irgendwo. Max Muster als alter Mann. Er sitzt im Rollstuhl, als der Pfarrer ins Zimmer tritt. «Guten Tag, Herr Muster, wie geht es ihnen?» – «Danke gut.» – «Kommen Sie übermorgen auch in den Pfingstgottesdienst?» – «Aber sicher. Ist schliesslich einer meiner Lieblingssonntage.» – «Ah ja, wieso denn das?» – «Ich hatte vor vielen Jahren mal etwas Falsches gemacht. Aber mein Fürsprecher damals war eine Wucht. Dank ihm, konnte ich noch einmal neu anfangen. Seitdem weiss ich um den Wert eines guten Fürsprechers. Sie verstehen, was ich meine?» – «Helfen Sie mir.» – «Der Heilige Geist, das ist doch der himmlische Fürsprecher, dank dem wir stets wieder neu anfangen können. Er macht das Unmögliche wirklich und vergegenwärtigt das Unfassbare. Aber das wissen Sie ja.» Schnitt.
Pfr. Claudio Jegher, Interlaken