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2012
Letzte Woche sah ich den Weltuntergang. Bei Popcorn und Rivella. In Dolby Surround, auf Grossleinwand. Es hat ziemlich geknallt und gekracht. Vor den kilometerhohen Tsunamiwellen war man selbst im Himalaya nicht mehr sicher. Selbstverständlich begann die Katastrophe in Kalifornien – wo denn sonst? Und selbstverständlich gab es dann doch ein Happy-End. Also doch nicht der Weltuntergang.
Robert Emerichs neuster Katastrophenfilm strotzt vor technischen Effekten genauso wie vor Dummheit. Der deutsche Filmkritiker Georg Seeßlen brachte es denn in der Wochenzeitung «Die Zeit» auch wohltuend ehrlich auf den Punkt: «Es ist vor allem ein dummer Film.» Und da Dummheit Konjunktur hat, spielte der Streifen bereits am ersten Wochenende 220 Mio. US-Dollar ein, bei Produktionskosten von rund 200 Mio. US-Dollar. Man rechne. Und ich habe mein Scherflein dazu beigetragen. Asche auf mein Haupt.
Der Film selber macht im grossen Stil bei biblischen Stoffen Anleihen, insbesondere bei der Erzählung von der Sintflut. Es gibt nichts wirklich Neues unter der Sonne. Alles schon da gewesen. Die wenigen, welche die Apokalypse à la Hollywood überleben, tun dies in Archen, von denen das Flagschiff den Namen «Genesis» trägt. Keine Archen aus Holz, sondern dank 3-D-Computergrafik riesige stählerne Kolosse im XXXL-Format, getreu dem Slogan «the bigger the better». Da müsste doch einer der Helden auch den Namen Noah tragen. Und so ist es denn. Selbstverständlich dürfen auch die Tiere nicht fehlen. Giraffen, Elefanten & Co. traben zwar nicht paarweise an, dafür werden sie in Gurten hängend von Transporthubschraubern des Typs Boeing-Vertol CH-47 Chinook eingeflogen. Der US-Präsident – politisch korrekt in der Ära Obama ein Afroamerikaner– rezitiert bei seiner letzten TV-Ansprache vor dem grossen Heulen und Zähneklappern den Psalm vom guten Hirten. Auf dem Platz vor dem Petersdom versammeln sich Tausende im Kerzenschein, um gemeinsam zu beten, derweil als Folge gigantischer Erdbeben die Decke der Sixtinischen Kapelle just zwischen Adams und Gottes Fingerspitzen einstürzt. Aus Michelangelos Erschaffung Adams wird Emerichs Vernichtung.
2012 also soll wieder einmal das Ende aller Enden kommen – wegen irgend so eines Maya-Kalenders. Wer’s glaubt, wird nicht selig. Ich werde im nächsten Frühling ein neues Apfelbäumchen pflanzen – so Gott will und ich lebe. Wer weiss, vielleicht trägt es 2013 ja dann schon die ersten Früchte.
Pfr. Claudio Jegher, Interlaken