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Der Serviettenring
Auf meinem Bett lagen Geschenke. Auf dem Tisch stand mein Leibgericht. Ich hatte Geburtstag und war etwa zehn Jahre alt. Auch meine Grossmutter hatte mir etwas mitgebracht. Eine dunkle kleine Schachtel mit eleganter Schleife. Das ganze sah edel aus. Nach dem Essen machte ich mich hinter die Bescherung. Die kleine Schachtel hob ich mir für den Schluss auf.
Heute kann ich mich an keines dieser Geschenke mehr erinnern ausser an das von meiner inzwischen längst verstorbenen Grossmutter. Ich brauche es jeden Tag. Damals allerdings war ich masslos enttäuscht. Als ich den Deckel abhob und die Wattierung entfernte, kam nämlich ein silberner Serviettenring mit meinen beiden Vornamen CLAUDIO RETO zum Vorschein. Noch einmal: Ich war zehn Jahre alt – und bekam zum Geburtstag einen Serviettenring! Welcher Knabe, der gerne Räuber und Gendarm spielt und abends im Bett Tom Sawyer und Huckleberry Finn liest, könnte sich über einen fein ziselierten Serviettenring allen Ernstes freuen?
Ich erinnere mich auch nicht mehr, ob es mir damals gelang, meine Enttäuschung mit der nötigen Höflichkeit zu kaschieren oder ob ich ihr freien Lauf liess. Auf jeden Fall konnte ich den Wert dieses Geschenkes weder ein- noch abschätzen. Und hätte mir jemand zu besagter Stunde prophezeit, dass dieser silberne Ring eines Tages gar Thema eines Zeitungsartikels würde, ich hätte ihn wahrscheinlich für verrückt erklärt.
Seit dem halte ich ihn beinahe täglich kurz in Händen – meinen Serviettenring. Längst ist er mir lieb und wert und inzwischen auch zum Gleichnis geworden. Gibt es nicht Vieles, das uns anfänglich unwichtig und wertlos erscheint, bis wir mit den Jahren eines Besseren belehrt werden? Anderes wiederum verliert an Wert und scheint uns mit der Zeit gänzlich unwichtig.
Und könnte es uns schliesslich mit dem Evangelium und dem, was christliche Kirchen seit Jahrhunderten als Wahrheit weitergeben, nicht ähnlich ergehen? Eine Art «Umwertung aller Werte» (Nietzsche), die uns befähigt, im Unscheinbaren das Wesentliche und im Verachteten das Gelobte zu entdecken. Was Hänschen noch widerwillig lernte, ist dem alten Hans am Ende die einzige Freude. Gestern noch belächelt, heute geschätzt und geliebt, morgen schon die letzte Hoffnung. Wahrlich: «Die Folgezeit verändert viel …» (G. Neumark, RG Nr. 681)
Pfr. Claudio Jegher, Interlaken