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Fresszettel
Neulich in Zürich. Besuch des Medizinhistorischen Museums der Universität mit der Männergruppe Interlaken-Matten. Vor allem im psychiatrischen Teil erinnerte die Ausstellung streckenweise mehr an eine Sammlung von Folterwerkzeugen. Wer gerne von der «guten alten Zeit» schwärmt, dem sei ein Besuch dieses Museums empfohlen. Da kann man nur sagen: Gelobt seien Schmerz- und Betäubungsmittel (und noch ein paar weitere Segnungen heutiger Medizin)! Umgekehrt fragt man sich aber auch: Wie wird wohl in 200 Jahren über zeitgenössische Arzneikunst gedacht? Wird man da auch den Kopf schütteln oder schmunzeln? Und nur nebenbei: Man kann das Museum auch besuchen, ohne gleich dessen Konservator zu begegnen. Wenn Sie wissen, was ich meine.
Besonderes Interesse erweckte bei mir eine Vitrine, die dem Thema Krankheit und Wunderglaube gewidmet war. Darin allerlei Gegenstände aus dem religiös-magischen Bereich: Votivbilder, Amulette, Krampfringe, Gichtkugeln und Schluckbilder. Auf einer Tafel war zu lesen: «Wenn man Krankheit als göttliche Heimsuchung versteht, ist zur Erhaltung und Wiedergewinnung der Gesundheit der Glaube nicht weniger wichtig als das Wissen.» Dass der Christus-Glaube Berge versetzen kann, sei nicht bestritten. Allerdings versetzt er die Berge so, dass die Sicht auf den gnädigen Gott frei wird und nicht auf das eigene Ego. Bestritten sei aber, dass der Grundgütige uns mit Krankheiten heimsucht, um uns zu bestrafen. Gottes Sohn hat Kranke geheilt und nicht angeschrien: Geschieht euch ganz recht!
Dass der Glaube auch auf Abwege kommen und in der Folge zum Aberglauben mutieren kann, dokumentiert in besagter Vitrine ein Schluckbild aus der Innerschweiz um 1700. Dabei handelt es sich um kleine Kupferstiche auf leichtem Papier. Ein Beispiel zeigt einen Block mit 20 Bildchen – jedes so gross wie ein «Räppler» – zwölf Apostel, vier Evangelisten, vier Kirchenväter. Die Bildchen wurden einzeln abgerissen und als geistliches Medikament geschluckt. Oder anders gesagt: Die Zettelchen wurden gefressen. Daher die Bedeutung: Fresszettel.
Also runter damit. Nützt ’s nichts, schadet ’s nichts, wird sich wohl mancher gesagt haben. Als moderne Form des Placebos und dem damit verbundenen Effekt könnte sogar die heutige Medizin den Papierlein noch einen Sinn abgewinnen. Aber da müsste jetzt ein Mediziner weiterschreiben. Wer weiss, vielleicht findet sich ja mal einer, der bereit ist, einen Sonntagsgedanken zu verfassen.
Pfr. Claudio Jegher, Interlaken