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Herzenssache
Paris. Friedhof Père Lachaise. Auch berühmte Menschen haben hier ihre letzte Ruhestatt gefunden. So etwa der geniale Frédéric Chopin, dessen 200. Geburtstag die Musikwelt dieses Jahr feiert. Der polnische Komponist und Pianist brachte einen Grossteil seines kurzen Lebens in der Seine-Metropole zu. Aufgewachsen ist er unweit von Warschau zusammen mit drei Schwestern als Sohn eines nach Polen emigrierten Franzosen und einer aus verarmtem polnischem Adel stammenden Mutter.
Sein Grab ziert auf weissem Sockel eine von Trauer gebeugte Muse. Das bekränzte Haupt gesenkt, hält sie in ihrem Schoss untätig eine Leier: Symbol, dass das Genie verstummt ist. Aus den steinernen Eckpfeilern des schmiedeisernen Grabgeheges sind halbreliefartige Fackeln mit der Flamme nach unten gemeisselt: Symbol, dass das Lebenslicht des Meisters erloschen ist. Blumengaben schmücken das Grab zusätzlich. Es dominieren die Farben rot und weiss – die Nationalfarben Polens.
Szenenwechsel. Warschau. Heiligkreuzkirche. Im Innern der Barockkirche an einem Pfeiler des Hauptschiffes ein Epitaph mit weisser Marmorbüste von Fryderykowi Chopinowi. (Polnisch ausgesprochen klingt Chopins Name ähnlich wie das Deutsche Wort «Schoppen».) Kreuz und Christusmonogramm krönen das kirchliche Denkmal, an dessen Fuss auf Polnisch und Englisch zu lesen ist: «Hier ruht das Herz von Frederik Chopin.» Sein Leib in Paris, sein Herz in Warschau – wie er es sich vor seinem Ableben gewünscht hatte.
Als vor fünf Jahren der polnische Papst Johannes Paul II. verstarb, kam im nationalstolzen und von Trauer geeinten Polen schnell einmal die Idee auf, auch das Herz des verstorbenen Papstes in seinem Heimatland beizusetzen. Der Leib in Rom, das Herz in Polen – die römische Kurie erteilte solchem Ansinnen nach der Testamentseröffnung eine Absage. «Jan Paweł Drugi» wurde unter dem Petersdom in den vatikanischen Grotten beigesetzt.
«Woran Du [ ] Dein Herz hängst und Dich darauf verlässt, das ist eigentlich Dein Gott», resümiert Martin Luther in seiner Auslegung des ersten Gebotes im Grossen Katechismus. Das hat sich der Reformator nicht aus den Fingern gesogen, sondern aus der Bibel gelesen. In der Bergpredigt heisst es: «Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.» Eben dieser Vers steht auch auf dem Chopin-Epitaph in der Heiligkreuzkirche – und regt zum Weiterdenken an: Wofür schlägt mein Herz?
Pfr. Claudio Jegher, Interlaken