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Potpourri
Stosszeit. Die vierspurige Strasse ist stark befahren. Am Fussgängerstreifen wartet eine alte Frau mit ihrem Rollator, ihr Blick fest auf die Ampel gerichtet. Und die ist schon lange rot. Hier gibt der Verkehr den Ton an – im wörtlichen und im übertragenen Sinn. Fussgänger sind kaum mehr als lästige Hindernisse.
Da, grün! Die alte Frau reagiert unverzüglich und geht los. Aber sie geht langsam. Sie macht kleine Schritte. Schneller kann sie nicht mehr. Ab und zu hebt sie den Kopf und schaut auf die Ampel. Als sie gut die Hälfte der Strasse geschafft hat, ist es bereits wieder rot. Sie geht tapfer weiter. Auf den zwei Spuren hinter ihr rollt der Verkehr wieder an. Auf den anderen zwei braucht es noch etwas Geduld. Und die vordersten Autofahrer haben die auch. Sie sehen ja, was abgeht. Aber hinten hupen die ersten schon nervös.
Wie das wohl sein mag, wenn die Grünphase für die Strassenüberquerung nicht mehr ausreicht? Wenn der Fussgängerstreifen zur Herausforderung wird? «Wenn man sich selbst vor einer Anhöhe fürchtet und Schrecknisse sind auf dem Weg?» (Die Bibel)
Der Flug ist leicht verspätet. Die Passagiere stehen am Gate und warten. Durch die Glasfront sieht man aufs Flugfeld. Und da tut sich allmählich etwas. Gangways rollen heran, ein Tankwagen fährt vor, das Gepäck steht bereit, vor dem Gate haben zwei Busse parkiert. Kaum hat die Ground Hostess das Mikrofon zur Hand genommen, drängen die Fluggäste auch schon herbei. Alle wollen zuerst sein, schliesslich ist freie Sitzplatzwahl, denn die beschleunigt das Boarding-Prozedere und senkt damit Kosten. Das machen sich Billigflieger zu Nutzen. Je kürzer der Turnaround desto günstiger.
Also wird jetzt gedrängelt. Wer zuerst kommt, hat die beste Auswahl. Die ersten Passagiere sind bereits im Bus und der füllt sich zusehends. Schnell herrscht auch dort ein Gedränge. Die Letzten quetschen sich noch rein. Die Türen schliessen, der Bus fährt, die Türen öffnen sich wieder und – alles ist umgekehrt. Die Ersten am Gate und im Bus sind jetzt plötzlich die Letzten, die den Bus verlassen und das Flugzeug besteigen. Und die Letzten am Gate und im Bus sind jetzt die Ersten im Flugzeug und kriegen die besten Plätze. «Viele Erste aber werden Letzte sein und Letzte Erste.» (Die Bibel)
Der Weg führt südlich entlang der Kirchenmauer. Sie ist aus Sichtbacksteinen und frisch renoviert. Schön wurde sie gemacht und schön würde sie auch aussehen, wären da nicht diese Graffiti-Schmierereien. Jetzt ist die Mauer verunstaltet. Mit silberner Farbe hat einer x-mal sein blödes Monogramm draufgesprayt. Was der sich wohl dabei gedacht hat? Wegmachen kann man das kaum – auf Backsteinen. Schade für das schöne Mauerwerk.
Aber was ist denn das? Einige Schmierereien sind bereits wieder von zartem Efeu überwachsen. An der Mauerecke im Boden ein grosser, alter Efeustrunk. Ein Blick um die Ecke und siehe da, auf der Ostseite ist die Kirchenmauer noch ganz von Efeu bedeckt. Nur die Haftwurzeln auf der Südseite mussten für die Renovation gestutzt werden. Und dann kam der Sprayer. Doch der Efeu kommt zurück und wird irgendwann auch noch das letzte Graffito überdecken. «Wenn eure Sünde auch blutrot ist, soll sie doch schneeweiss werden.» (Die Bibel)
Pfr. Claudio Jegher, Interlaken