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Zweckentfremdet
Von aussen sieht er wie eine Kirche aus, der Backsteinbau mit dem etwas umständlichen Namen Friedrichswerdersche Kirche. Die Doppelturmfassade steht in Berlin Mitte auf einer Insel am linken Spreeufer, welche «Werder» genannt wird. Die Friedrichswerdersche wurde in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erbaut und war die erste neugotische Kirche der Stadt, eine sog. Simultankirche, weil sie gemeinsam (= simultan) von zwei Konfessionen, der preussisch-unierten und der französisch-reformierten Gemeinde, benutzt wurde.
Während dem Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude stark beschädigt und war danach nur noch eine Ruine, bis sie in den Achtzigerjahren wieder in Stand gestellt wurde. Heute dient die Kirche als Museum für Skulpturen des frühen 19. Jahrhunderts. Aus dem einstigen Gotteshaus ist ein Kunsthaus geworden. Wo sich früher eine Gemeinde einfand, um Gottesdienst zu feiern, finden sich heute Menschen ein, um Kunstwerke zu betrachten. Marmorbüsten, Gipsmodelle und Museumsführer anstelle von Gebet, Sakrament und Evangelium. Anstatt Jesus und Jesaja gibt es jetzt die Konterfeis von Kant und Goethe.
Doch warum in die Ferne schweifen? Sieh, Ähnliches liegt so nah! Im Zuge der Übernahme und Aufhebung des Augustiner Chorherrenstifts zur Zeit der Reformation schloss die Berner Regierung auch die ehemalige Klosterkirche in Interlaken. Dabei reichte es nicht einmal für ein Kunsthaus. Das Gotteshaus wurde in ein Lagerhaus umfunktioniert. Fortan diente der Chor «als Fass- und Wagenscheune, dessen Unterkellerung als Weinkeller, während das Schiff in ein Kornhaus verwandelt an die Zeiten Josefs in Ägypten erinnern mochten» (R. Gallati). Anstatt Chorgesang gab es nun Mäusepfiffe und anstelle von Weihrauchschwaden Scheunenmief.
Über drei Jahrhunderte änderte sich daran nichts. Erst der aufkeimende Tourismus verwandelte das Lagerhaus peu à peu wieder in ein Gotteshaus. 1909 wurde das baufällige Kirchenschiff dann abgetragen und die Kirchgemeinde Gsteig-Interlaken erbaute an dessen Stelle nach den Plänen des heimischen Architekten Adolf Mühlemann die heutige Schlosskirche – auch sie im neugotischen Stil wie die Friedrichswerdersche. 1911 wurde der neuerstellte Kirchenraum eingeweiht. Deshalb feiert die Schlosskirche Interlaken dieses Jahr ein 100-Jahr-Jubiläum. Wer weiss, ob nicht auch sie eines Tages noch zum Museum wird?
Pfr. Claudio Jegher, Interlaken