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Ojemine
Selbstbewusst stand der junge Leutnant vor mir. Beine breit, Rücken gerade, Brust raus. Wie er es gelernt hatte. Er war gut einen Kopf, einen beinahe kahlrasierten Kopf, grösser als ich. Sein Auftritt sollte deutlich machen, wer hier das Sagen hat. Wäre da nicht sein Blick gewesen. Forsch wollte er mich anschauen. Aber irgendwie gelang es ihm nicht richtig. Vielleicht hatte er mal gelernt: «Sieh deinem Gegenüber stets direkt in die Augen.» (Oder Trick 77: Sieh genau zwischen die Augen.) Nur, meinem Blick wollte er nicht begegnen. Entweder durchbohrte er mich, oder dann wich er aus. Viel Fassade, dachte ich und versuchte ihn in ein Gespräch zu verwickeln, in der Hoffnung er würde etwas umgänglicher.
Aber er sperrte sich. «Mit Kirche und Religion kann ich nichts anfangen. Ich bin ein eingefleischter Atheist.» Ich schmunzelte, was ihn offensichtlich verwirrte. «Sie haben da eben etwas sehr Religiöses gesagt», gab ich lächelnd zurück. Er schaute mich fassungslos an und sein Blick bekam etwas Hohles. «Im Ernst. Sie haben gesagt: eingefleischter Atheist. Wussten Sie, dass das Wort eingefleischt ursprünglich nur für Jesus Christus gebraucht wurde? Der Eingefleischte, das ist der Fleisch gewordene Sohn Gottes. Also das, was wir an Weihnachten feiern. Sie feiern doch auch Weihnachten?» Er senkte den Blick, und ich meinte, seine Mundwinkel hätten leicht gezuckt. Doch dann drehte er sich einfach um, ganz abrupt, und lief wortlos davon. Ich habe nie herausgefunden, weshalb.
Szenenwechsel. Die betagte Grosstante ging fürs Leben gern ins Restaurant. Nach dem Essen, wenn die Rechnung kam, stiess sie mich jeweils sanft und reichte mir diskret unter dem Tisch ihr Portemonnaie. Sie war der Meinung, es schicke sich für eine Frau nicht zu bezahlen, das sei Männersache. Also nahm ich das mir zugesteckte Portemonnaie, bezahlte, und sie quittierte das Ganze mit einem schelmischen Lächeln.
Doch eines Tages, als es ans Zahlen ging und ich das diskret unter dem Tisch zugesteckte Portemonnaie öffnete, war es – leer. Als die Gute es bemerkte, entfuhr es ihr: «Ojemine, jetzt habe ich das falsche Portemonnaie mitgenommen.» Ich musste lachen und sagte zu ihr: «Kein Problem, ich bezahle. Aber Jesus lassen wir aus dem Spiel.» Sie schaute mich verwundert an. «Wie kommst du jetzt auf Jesus?» «Du hast doch eben gesagt Ojemine, und das heisst ursprünglich: O Jesus, domine, also: O Jesus, Herr.» Sie lächelte, und ich zahlte.
Pfr. Claudio Jegher, Interlaken