Navigation
Ganz einfach
«Alles Edle und Grosse ist einfacher Art», schrieb Gottfried Keller als Erster Zürcher Staatsschreiber in seinem Bettagsmandat von anno 1863. Ein einfacher Satz, der gerade in seiner Einfachheit Grösse zeigt. Weiter schreibt Keller: «Möge diese klare Einfachheit bei aller materiellen Entwicklung unserer Zustände fort und fort die Grundlage unseres religiösen Lebens, unserer Wissenschaft und Erziehung bleiben [ ].»
Einfachheit – wer sehnt sich nicht manchmal oder gar öfters danach. Wobei sich diese Sehnsucht in der Regel proportional verhält zum komplexen Weltbild der Moderne. Je komplexer und damit komplizierter unser Welt- und Selbstverständnis, desto stärker der Wunsch nach einfachen Lösungen. Ein durchaus frommer Wunsch, insofern das Wesen der Frömmigkeit, wie Schleiermacher sagt, darin besteht, «dass wir uns unserer selbst als schlechthin abhängig bewusst sind, das heisst, dass wir uns abhängig fühlen von Gott.» Und der Wunsch oder dessen grosse Schwester, die Sehnsucht, die sind per se immer Ausdruck von Abhängigkeit. Der kommende Eidgenössische Dank-, Buss- und Bettag lädt uns dazu ein, über diese Abhängigkeit in dreifacher Hinsicht nachzudenken.
Sich zu bedanken gilt als höflich und zählt zum Repertoire guter Umgangsformen. Schon die Kleinen lernen es von ihren Eltern (oder sollten es zumindest). «Wie sagt man?», fragt die Mutter ihr Kind, nachdem dieses das Geschenk lautlos entgegennahm. «Danke», murmelt es kleinlaut. Dank nicht nur als Akt der Höflichkeit antrainiert, sondern als Reaktion auf unverdientes Wohlwollen verstanden. Dankbarkeit ist die erklärte Gegnerin jeglicher Selbstverständlichkeit und die beste Freundin der Freundlichkeit. Im Dank bringt der Mensch zum Ausdruck, dass er nicht nur von dem lebt, was er sich erarbeitet und erkämpft, sondern eben so sehr, wenn nicht gar noch mehr von dem, was ihm zugetragen und geschenkt wird. Die Bibel spricht in diesem Zusammenhang von Gnade, angefangen von den Mutterhänden, die uns empfangen, bis zu den Händen des Totengräbers, die uns beerdigen.
Das Wort Busse gehört zu den am häufigsten missverstandenen Wörtern der Bibel. Grund dafür: Die Verwechslung von theologischem und rechtlichem Gebrauch des Wortes. Busse tun ist etwas anderes, als eine Busse bezahlen. Das im Deutschen mit «Busse tun» wiedergegebene griechische Tätigkeitswort hat im Neuen Testament die Bedeutung «die Gesinnung ändern» und hat ergo nichts mit einer strafrechtlichen Sanktion zu tun. Wenn in der Bibel zur Busse aufgerufen wird, dann soll niemand abgestraft, sondern ein Sinneswandel herbeigeführt werden, und zwar weg vom Egomanen hin zu Gott und in der Folge dann auch hin zum Mitmenschen.
Beten wiederum heisst, sein Leben in Abhängigkeit eines anderen denken und verstehen, vorzugsweise nicht nur dann, wenn einen die Not dazu zwingt, sondern ebenso, wenn einen das Glück verwöhnt. Im Gebet wird Gott nicht auf ein Abstellgleis rangiert, sondern es wird um seine erhellende Gegenwart gerungen. Das geschieht nicht nur in Lob und Dank, sondern auch in Klage und Bitte und ist – hat man erst einmal damit begonnen – einfacher, als viele meinen. Auch ein ehrliches Gebet ist wie alles Edle und Grosse einfacher Art. Martin Luther gab deshalb die Weisung aus: «Kurz soll man beten, aber oft und stark.»
Pfr. Claudio Jegher, Interlaken