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Passionsblume
Ich ging im Walde
so für mich hin,
und nichts zu suchen,
das war mein Sinn.
Im Schatten sah ich
ein Blümchen stehn,
wie Sterne leuchtend,
wie Äuglein schön.
J. W. Goethe
Es erging mir ähnlich, als ich durchs Tropenhaus Frutigen schlenderte. Ich hatte nichts im Sinn, bis mich die Schönheit einer Blume in ihren Bann zog. Auf der Informationstafel las ich: «Die Blüte der Passionsfrucht hat zehn Blütenblätter, fünf Staubblätter und drei Griffel. Die spanischen Eroberer Südamerikas sahen darin ein Symbol für die zehn Apostel, die fünf Wundmale und die drei Kreuznägel sowie im Kranz der weiss-violetten Fäden ein Symbol der Dornenkrone.»
Mein Interesse war geweckt. Ich schaute genauer hin. Und tatsächlich, mit etwas Fantasie lässt die in unseren Breitengraden bekannteste der über 530-Passiflora-Arten, die Blaue Passionsblume, dem Christus-Glauben reichlich Raum für Analogien. Zehn weisse äussere Blütenhüllblätter symbolisieren zehn der zwölf Apostel. Petrus und Judas werden nicht mitgezählt, weil sie den Herrn verleugnet, bzw. verraten haben. Die zahlreichen inneren Blütenblätter erinnern an einen Strahlenkranz – den Glorienschein des zu Unrecht, aber dennoch für uns leidenden Gottessohnes. Dabei sind die fadenförmigen Blütenblätter intensiv gefärbt. Im Fall der Passiflora caerulae ein leuchtendes Blau, Weiss und Violett – violett wie der Purpurmantel, den sie ihm umhingen, weiss wie seine Unschuld und blau für seine Treue. Die inneren Blütenblätter – auch Nebenkrone genannt – werden obendrein als Dornenkrone gedeutet. Im Zentrum der Blüte drei weit abstehende Griffel, die durchaus Nägeln ähnlich sehen, und fünf Staubgefässe, wie die fünf Wundmale des Gekreuzigten – an Händen und Füssen und die Lanzenstichwunde in der Seite. Und «jede Blüte will zur Frucht». (Hesse) Das Gewebe der Passionsfrucht ähnelt in Farbe und Form dem essiggetränkten Schwamm, während die Ranken der Kletterpflanze an die Geissel erinnern, mit der Jesus ausgepeitscht wurde.
In seinem 1632 erschienen vierbändigen Werk «De Florum Cultura» schrieb der Jesuit Giovanni Baptista Ferrari über die Passionsblume: «Ein Mirakel für alle Zeiten, die göttliche Liebe hat darin mit eigener Hand die Schmerzen Christi gezeichnet.» Der Professor für Botanik folgte dabei der damals gängigen Signaturenlehre, einer Art Vorläuferin der Homöopathie. Diese geht davon aus, dass alles Geschaffene miteinander in Beziehung steht und versucht aus Analogien in der Natur, Rückschlüsse zu ziehen. Im Kleinen das Grosse sehen und umgekehrt.
Pfr. Claudio Jegher, Interlaken