Navigation
Magdalenki
Felder, Wälder, Wiesen und Seen wechseln sich ab. Wir fahren durch Masuren, diesem reizvollen Landstrich «im Süden Ostpreussens, zwischen Torfmooren und sandiger Öde, zwischen verborgenen Seen und Kiefernwäldern» (Siegfried Lenz). Der Himmel ist weit, der Horizont offen. Berge gibt es hier keine. Aber Störche beinahe auf jedem Hausdach. Die Bildworte des Dichters werden hier zu Augenbildern.
Alles wird kommen
Sommer und Regen
Schatten der Störche
Blitzen im Blau.
(Albin Zollinger)
Auf einer staubigen Nebenstrasse gelangen wir in ein kleines Dorf. Schnatternde Gänse und glückliche Hühner am Wegrand. Ein Pferdefuhrwerk biegt um die Ecke. Als wäre die Zeit stehengeblieben. In der Dorfmitte gleich neben der Kirche eine kleine Bäckerei. Wie es scheint der einzige Laden weit und breit. Vielleicht gibt es ja hier eine regionale Spezialität? Und Appetit haben wir auch.
Meine Frau und ich betreten den Laden. Die Türe klemmt. Ich muss die Klinke anheben, damit wir eintreten können. Hinter einem Vorhang schlurft eine ältere Frau hervor, lächelt und grüsst. Das Angebot ist bescheiden. Zur Auswahl stehen gerade mal Schmelzbrötchen (polnisch: Magdalenki), irgendwelches Buttergebäck und Zwieback. Wir entscheiden uns für Schmelzbrötchen. Hinter dem Vorhang sehe ich eine zweite alte Frau. Sie sitzt an einem Tisch vor einem verbeulten Topf mit einer Gabel drin. Ich begreife: ein armer Leute Haus. Nix da mit Spezialitäten, du verwöhnter Westler.
Als es ans Bezahlen geht, wendet sich meine Gattin mir zu und meint, es sei der Frau furchtbar peinlich, aber sie hätte kein Wechselgeld, ob sie uns dafür etwas mehr von den Schmelzbrötchen geben könne. Ich schmunzle und schäme mich irgendwie. Klar, geht in Ordnung, dann eben mehr Magdalenki.
Wir steigen ins Auto und fahren weiter. An einem kleine See halten wir an und setzen uns ans Ufer. Schmelzbrötchen haben wir genug. Ich nehme eines, beisse rein und – o Graus! – es ist ranzig. Aber so was von ranzig! Ich probiere das nächste – dasselbe. Alle sind sie ranzig und ungeniessbar. Die Frau ist also noch ärmer, als ich dachte. Versteckte Armut, die gibt es nicht nur in Polen, sondern auch in der reichen Schweiz. «Wer weiss, Gutes zu tun, und tut's nicht, dem ist's Sünde» (Die Bibel). Wir hätten ihr alle Magdalenki abkaufen sollen.
Pfr. Claudio Jegher, Interlaken