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Jesús!
Wenn jemand niest, dann wünscht man ihm in unseren Breitengraden: «Gesundheit!» Niest jemand in Polen, dann sagt man zur betreffenden Person: «Sto lat!» (Hundert Jahre!) Möge er hundert Jahre alt werden! Und in Spanien sagt man zu einem Nieser: «Jesús!» Ursprünglich wurde der Name wie eine Schutzformel verwendet. Dahinter steckt etwas Magie und etwas Aberglaube. Denn in früheren Zeiten glaubte man, dass jemandem, der niest, ein böser Geist ausfahre. Jesu Name, der laut dem alten Hymnus im Philipperbrief «über allen [anderen] Namen steht», sollte heilen und vor weiterem Übel schützen. Andere erklären, der Jesus-Wunsch verhindere das Eindringen des Teufels durch den beim Niesen kurzfristig unkontrolliert offenen Mund.
Auch wenn solche Vorstellungen reichlich antiquiert sind (der Aufklärung sei Dank!), steht für einen Christenmenschen dennoch ausser Frage, dass dem Namen Jesu eine ganz besondere Bedeutung zukommt. Als Massstab gilt Petri Wort: «In keinem anderen ist das Heil; denn uns Menschen ist kein anderer Name unter dem Himmel gegeben, durch den wir gerettet werden sollen (Apostelgeschichte).» Das ist exklusiv. Allerdings nicht in dem Sinne, dass alle ausgeschlossen werden, die mit diesem Namen nichts anzufangen wissen, sondern exklusiv in dem Sinne, dass es für einen Christenmenschen ausgeschlossen ist, sein Heil anderswo zu suchen, denn eben in diesem Jesus, dem Christus.
Im Namen Jesu verdichten sich die Inhalte christlichen Glaubens urknallmässig. Da ist alles beisammen, was im Evangelium vielstimmig expandiert. Die römisch-katholische Kirche kennt denn auch ein eigens der Verehrung seines Namens geweihtes Fest, das Namen-Jesu-Fest. Der dem Lateinischen Jesus zugrunde liegende hebräische Vorname Jehoschua wird traditioneller Weise als «Gott hilft, Gott rettet» gedeutet. Und das ist der Kern des Evangeliums: In Jesus von Nazareth greift Gott rettend ein.
Als der Schweizer Theologe Karl Barth in seinem letzten Radiointerview um ein Schlusswort gebeten wurde, antworte er: «Das letzte Wort, das ich als Theologe und auch als Politiker zu sagen habe, ist nicht ein Begriff wie ‹Gnade›, sondern ist ein Name: Jesus Christus. Er ist die Gnade, und er ist das Letzte, jenseits von Welt und Kirche und auch von Theologie. Um was ich mich in meinem langen Leben bemüht habe, war in zunehmendem Masse, diesen Namen hervorzuheben und zu sagen: dort! Es ist in keinem Namen Heil, als in diesem Namen. Dort ist denn auch die Gnade. Dort ist auch der Antrieb zur Arbeit, zum Kampf, auch der Antrieb zur Gemeinschaft, zum Mitmenschen. Dort ist alles, was ich in meinem Leben in Schwachheit und Torheit probiert habe. Aber dort ist’s.»
Pfr. Claudio Jegher, Interlaken