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Wohlstand fressen Glauben auf
Danzig. Hauptstadt des Bernsteins, Perle des Ostens, Venedig des Nordens … Sie trägt viele Ehrentitel, die ehemalige Hansestadt, die im Mittelalter zu den mächtigsten und grössten Städten Europas zählte. Sie ist auch heute noch mehr als eine Reise wert.
Ich stehe vor der Brigittenkirche. Nach katholischer Lehre ist sie der Heiligen Brigitta von Schweden geweiht. Das Gotteshaus wurde im Spätmittelalter (1396) erbaut und hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Ins Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit trat sie als Pfarrkirche der Solidarność, der ersten freien Gewerkschaft im ehemaligen Ostblock. Als im Sommer 1980 Arbeiter in der Danziger Leninwerft zu streiken begannen, geriet auch die Brigittenkirche weltweit in die Schlagzeilen als Treffpunkt einer Arbeiterbewegung, die schnell einmal zu einer Volksbewegung gegen das kommunistische Regime mutierte. Übervoll war sie damals die Kirche, wenn die Messe gelesen wurde. Bis auf die Strasse hinaus standen die Menschen. Überfüllte Kirchen als ohnmächtig mächtiges Zeichen zivilen Ungehorsams. Ähnlich ging es auch in vielen Kirchen in der DDR zu und her.
Und dann kam die Wende. Die Kirchen leerten sich allmählich, auch die Brigittenkirche. Heute erinnern Informationstafeln im Schiff an die ruhmreichen Zeiten von damals. Wer die Kirche besucht, wird um einen Obolus gebeten; Gruppenführungen kosten extra. Der goldene Westen ist längst im ehemals grauen Osten angekommen. In Anlehnung an Rainer Werner Fassbinders cineastisches Meisterwerk «Angst essen Seele auf» könnte man kalauern: «Wohlstand fressen Glauben auf.»
Neu ist das nicht. Und Grund zum Lamentieren bietet das auch nicht. Erinnert aber an die Geschichte von den zehn Aussätzigen im Lukasevangelium. Jesus heilt zehn Aussätzige. Aber nur einer von ihnen «kehrte, als er sah, dass er geheilt worden war, zurück, pries Gott mit lauter Stimme, fiel ihm zu Füssen auf das Angesicht nieder und dankte ihm». Einer von zehn. Wem es zu gut geht, der vergisst den Gütigen schnell einmal. Nichts gegen Wohlstand – um Gottes Willen nicht! Aber für den Glauben vieler Menschen ist er ein schleichendes Gift. Kommt es gar zu einer Vergiftung, hilft nur noch das richtige Gegengift, und das ist nicht etwa Armut, sondern Mässigung. Eine in Vergessenheit geratende Tugend, die geduldig auf ihre Renaissance wartet.
So geduldig wie die Brigittenkirche und andere Kirchen auf bessere Zeiten hoffen. Auf eine Zeit, in der Menschen nicht mehr nur dann nach Gott verlangen, wenn es ihnen schlecht geht, sondern auch dann noch Gott aufsuchen, wenn es ihnen gut geht. Eine Zeit, in der nicht mehr nur Not beten lehrt, sondern auch Wohlergehen und in der nicht einer von zehn, sondern neun von zehn umkehren, «um Gott die Ehre zu geben». Eine Zeit, in der nicht mehr vergangenem Glanz nachgetrauert, sondern der zukünftige Gott gefeiert wird und nicht mehr das Verlorene beklagt, sondern das Vorhandene bejubelt wird. Ein wahrhaft goldenes Zeitalter!
Pfr. Claudio Jegher, Interlaken