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Pontifex
Ein «Jahrhundert-Wanderwerk» soll er werden – der Brückenweg rund um den Thunersee. Und er hat durchaus das Zeug dazu. Es locken herrliche Aussichten und spektakuläre Konstruktionen. Die Hängebrücke über den Spissibach ob Leissigen gibt dem Wanderer bereits einen Vorgeschmack. Die Panoramabrücke über den Guntenbach zwischen Sigriswil und Aeschlen steht kurz vor der Eröffnung.
Es war ein Frühherbstnachmittag wie er im Bilderbuch steht. Trakels «herbstlich klare Weiten», ein blauer Himmel und milde Temperaturen boten beste Voraussetzungen für einen Spaziergang von der Meielisalp Richtung Krattigen. Auf einer Naturstrasse ging es einen knappen Kilometer durch den Wald und über Matten zum Spissibachgraben, über welchen jetzt eine 144 Meter lange und rund einen Meter breite Fussgängerbrücke aus Stahl gespannt ist.
Meine Frau kämpfte mit ihrer Höhenangst und überquerte die Brücke so schnell wie möglich. Ich blieb in der Hälfte stehen und genoss den fantastischen Ausblick. 60 Meter unter mir der Spissibach, an diesem wolkenlosen Tag ein harmloser Bergbach. Wer im Oberland wohnt, weiss allerdings, dass sich bei Unwettern die Wasserläufe in den Gräben und Schluchten rund um den Thuner- und Brienzersee auch in reissende Sturzbäche verwandeln können, die Tod und Verderben mit sich bringen. Der Schein trügt – wie so oft.
Wie ich dastand und in die Tiefe und in die Weite schaute, kamen mir die Briefe des jungen Felix Mendelssohn in den Sinn, in welchen er berichtet, wie er im Sommer 1831 bei strömendem Regen über Spiez nach Interlaken reist. Am andern Ende der Brücke angekommen blicke ich noch einmal zurück. Eine imposante Konstruktion aus Beton und Stahl. Die Brückenbauer haben ganze Arbeit geleistet. So wie jener andere Brückenbauer ganze Arbeit geleistet hat. Zwar wird der Heiland nirgends in der Bibel als Brückenbauer tituliert, aber als Mittler, als einer, der zwischen hüben und drüben vermittelt, der verbindet, was bis anhin getrennt war. Er ist «der Mittler des Neuen Bundes», heisst es im Hebräerbrief und treffend in einem Kirchenlied: «Der Glaub sieht Jesum Christum an, der hat für uns genug getan, er ist der Mittler worden.» Christlicher Glaube sieht in ihm den grössten Brückenbauer, den «Pontifex Maximus». Der Titel bezeichnete ursprünglich den obersten Wächter im römischen Götter- und Kaiserkult, weshalb ihn später dir römischen Kaiser für sich beanspruchten, bis er mit dem Siegeszug des Christentums auf die Päpste überging.
Wieder zu Hause suche ich die entsprechenden Briefe raus. Am 8. August schrieb Mendelssohn: «Prächtig sind die Waldströme bei solchem Wetter; sie rasen und wüthen» und einen Tag später: «Heut ist’s noch toller. Hat die ganze Nacht durch gegossen, und giesst schon den ganzen Morgen. […] Das Wetter hat furchtbar gerast, grossen Schaden gethan, Verwüstungen angerichtet; die Leute wissen sich keines ärgeren Sturms und Regens seit vielen Jahren zu entsinnen.» – Meinen die Leute nicht stets, so schlimm wie zu ihrer Zeit sei es noch nie gewesen?
Pfr. Claudio Jegher, Interlaken