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Morsch
Unter der alten Eibe im Garten steht der Spaltstock. Ich spalte Holz für den Kachelofen im Winter und für die letzten Grillfeuer im herbstlichen Garten. Vor Jahren mussten wir die beiden alten Nussbäume auf der Nordseite des Hauses fällen. Das Stammholz wurde fachgerecht zersägt und eingelagert. Die Äste wurden gespalten und gestapelt.
Nussbaumholz lässt sich nicht gut spalten. Als möchte einem das edle, feinfaserige Holz zu verstehen geben, dass es zu höherem bestimmt ist als bloss zu Brennholz. Das meiste Holz, das ich vom Stapel nehme, um daraus Scheitholz und Spanholz zu machen, ist noch gut beieinander. Doch jetzt halte ich einen morschen Ast in Händen. Er zerbröselt mir förmlich zwischen den Fingern. Der Regen hat das harte Laubholz ganz schwammig gemacht. Als Brennholz taugt es nicht mehr; es kann nur noch verfaulen.
Wie ich das morsche Holz weglege, kommt mir das schöne, dunkle Stammholz im Heizungskeller in den Sinn. Es ist jetzt gut ausgelagert und wartet nur darauf, dass geschickte Hände aus ihm einen Stuhl oder eine Kommode schreinern. Hingegen ist mit diesem morschen Klotz nichts mehr anzufangen. Dabei war es Holz vom selben Baum. Auch der morsche Klotz war einmal schön und hart. Was ein wenig Regenwasser doch ausmacht!
Ich spalte weiter Holz, aber in Gedanken schweife ich jetzt ab und lande bei Bertolt Brecht und seinem Gedicht «Legende von der Entstehung des Buches Tao Te King auf dem Weg des Laotse in die Emigration». Darin heisst es nämlich: «Dass das weiche Wasser in Bewegung / Mit der Zeit den harten Stein besiegt. / Du verstehst, das Harte unterliegt.» Der harte Stein, das harte Holz – das weiche Wasser besiegt sie beide. Wie wahr! Das Harte und Starke unterliegt am Ende dem scheinbar Schwachen und Sanften. Mit der Zeit verkehren sich die Kräfteverhältnisse ins Gegenteil.
Davon ist auch in der Bibel immer wieder die Rede. David besiegt Goliath – der Schwächere den Stärkeren. Der Psalmist erkennt: «Einem König hilft nicht seine grosse Macht; ein Held kann sich nicht retten durch seine grosse Kraft.» Durch den Propheten tut Gott kund: «Es soll nicht durch Heer oder Stärke, sondern durch meinen Geist geschehen.» Der ohnmächtig Gekreuzigte triumphiert als der Auferstandene in Macht und Herrlichkeit. Und dem Apostel Paulus wird in Bezug auf sein Leiden beschieden: «Die Kraft findet ihre Vollendung am Ort der Schwachheit.»
Pfr. Claudio Jegher, Interlaken