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Von Stechpalmen und Stachelschweinen
Der Herbst hat seine Arbeit getan. Ich tue die meine und reche das letzte Laub zusammen. Die Arbeit mit dem Laubrechen erfordert ein wenig Übung und etwas Geschick, damit am Ende das «Grien» (für Nicht-Berner: Rundkies) einerseits vom Laub befreit und andererseits wieder gleichmässig verteilt ist. Die Arbeit hat durchaus etwas Meditatives. Man beginnt zu verstehen, weshalb für japanische Zen-Mönche das Rechen in Steingärten Teil ihrer Meditation ist.
Ich bücke mich, packe mit beiden Händen einen Haufen Blätter und werfe ihn in den Laubkorb. Da sticht mich etwas unangenehm. Ein Stechpalmenblatt steckt in meinem Finger und tut seinem Namen alle Ehre. Ich wundere mich, dass das dürre, fahlbraune Blatt noch so stachelig ist. Dass die dunkelgrünen Blätter der gemeinen Stechpalme stark dornig sind, ist mir durchaus bewusst, aber dieses alte Blatt … Und was seh’ ich da noch: ein weiteres Stechpalmenblatt bzw. das, was von ihm übrig geblieben ist, ein filigranes graues Blattgerippe. Vorsichtig hebe ich das kleine Kunstwerk auf und lege ein dunkelgrünes und ein fahlbraunes Blatt dazu.
Wie ich die drei so betrachte, schiesst es mir durch den Kopf: «Eigentlich ein Sinnbild für unser Leben.» Für unser persönliches Leben: erst grün und voll im Saft, dann allmählich fahl und dürr und am Ende nur noch ein Gerippe. Aber auch für unser Zusammenleben: Wir haben Ecken und Kanten, Marotten und Launen, geraten unangenehm aneinander, pieken und piesacken uns gegenseitig, mal mehr, mal weniger, und das nicht nur, wenn wir jung und voll im Saft sind, sondern auch noch im Alter. Erst am Ende, wenn wir endlich Frieden gefunden haben, stechen wir uns gegenseitig nicht mehr. Dann bewahrheitet sich das Wort des Propheten endgültig: «Es wird keinen Dorn mehr geben, der Schmerzen zufügt, und keinen Stachel, der Schmerz verursacht.»
Schopenhauer hat das menschliche Zusammenleben zwar nicht mit Stechpalmenblättern verglichen, dafür mit Stachelschweinen. In der Sache dasselbe. «Eine Gesellschaft Stachelschweine drängte sich, an einem kalten Wintertag, recht nah zusammen, um, durch die gegenseitige Wärme, sich vor dem Erfrieren zu schützen. Jedoch bald empfanden sie die gegenseitigen Stacheln; welches sie dann wieder voneinander entfernte. Wann nun das Bedürfnis der Erwärmung sie wieder näher zusammen brachte, wiederholte sich jenes zweite Übel; so dass sie zwischen beiden Leiden hin- und hergeworfen wurden, bis sie eine mässige Entfernung voneinander herausgefunden hatten, in der sie es am besten aushalten konnten.»
Pfr. Claudio Jegher, Interlaken