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Was würden Sie tun, wenn Sie das neue Jahr regieren könnten?
Ich würde vor Aufregung wahrscheinlich
Die ersten Nächte schlaflos verbringen
Und darauf tagelang ängstlich und kleinlich
Ganz dumme, selbstsüchtige Pläne schwingen.
Dann — hoffentlich — aber laut lachen
Und endlich den lieben Gott abends leise
Bitten, doch wieder nach seiner Weise
Das neue Jahr göttlich selber zu machen. Joachim Ringelnatz

Liebe Gemeinde! Das hübsche und auch sehr wahre Gedicht zum Neuen Jahr stammt aus der Feder von Joachim Ringelnatz. Mein lieber Gott, wahrhaftig, was würden wir uns nicht alles aushecken und ersinnen, wenn das Weltregiment morgen in unseren Händen läge? Oder müssen wir gar noch einen Schritt weiter gehen und eingestehen: Mein lieber Gott, was haben wir Menschen uns nicht schon alles ausgeheckt und ersonnen, um das Weltregiment definitiv zu übernehmen? Die Frage Was würden Sie tun, wenn Sie das neue Jahr regieren könnten? ist ja für die Menschheit als ganzes längst keine rein hypothetische Frage mehr. Wir haben die Erde kräftig in den Würgegriff genommen.
Aber für den einzelnen ist sie sehr wohl noch hypothetisch, diese Frage. Sie lädt zwar zum Träumen ein, aber zeitigt dann doch sehr bald nichts als Albträume. Die Lust an der Macht wird gern und gut zum Frust an der Macht. Der unvergleichliche Humor des Dichters hilft uns da nicht nur elegant aus der Klemme, er erschliesst uns darüber hinaus auch ein währschaft Stück fröhlich freien Christenglaubens, und er stellt erst noch gratis und franko das Neue Jahr in das Licht eines ganz Anderen. Das möge Gott uns geben, dass wir im neuen Jahr den Humor nicht verlieren, dass wir auch in den kommenden Wochen und Monaten über uns und unsere manchmal so idiotischen Vorstellungen lachen können. Und möge es der selbe Gott auch geben, dass wir in allem, was da auf uns kommt, seinen Trost und seine Verheissung nicht aus den Ohren verlieren.
Und damit es nicht beim blossen Wünschen bleibt, sondern auch wirklich dazu kommt, dass wir wie Ringelnatz den lieben Gott abends leise bitten, doch wieder nach seiner Weise zu regieren, hören wir nun an diesem ersten Abend im neuen Kalenderjahr auf die ersten Verse der Bibel.

Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde. Die Erde war wüst und öde, Finsternis lag über der Urflut, und ein grosser Sturm schwebte über den Wassern. Da sprach Gott: Es werde Licht! Und es ward Licht. Gott sah, dass das Licht gut war. Da trennte Gott Licht und Finsternis. Gott nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Es ward Abend, und es ward Morgen: der erste Tag. Gen 1,1-5

Es ist naheliegend, liebe Gemeinde, dass wir uns am Anfang eines neuen Jahres auf den Anfang aller Dinge besinnen. In unseren Worten ist vom Anfang die Rede, und zwar in sehr majestätischen aber dennoch einfachen Worten. Und wir wollen uns gleich von Beginn weg nicht mit dem herrschenden Zeitgeist herumschlagen und also nicht in einen sinnlosen Streit treten darüber, ob nun naturwissenschaftliche Theorien oder eben diese alten Worte Entstehung und Entwicklung allen Lebens auf Erden angemessener zur Sprache brächten. Das ist sinnlos, weil es an Sinn und Absicht dieser Worte vorbei zielt.
Der Schöpfungsbericht antwortet nicht auf die Frage, wie ist das alles entstanden, sondern darüber gibt er Auskunft, wer steht hinter all dem, was da ist. Ich will das jetzt hier nicht breitwalzen, aber bedenken sie die Wahrheit des Sprichwortes: Wie man in den Wald ruft, so ruft es zurück. In der Art und Weise, wie wir nach etwas fragen, wird uns auch geantwortet. Also befragen wir unseren Text doch so, dass er sich entfalten kann und nicht so, dass er sich verschliesst. Wir fragen deshalb: Was meint das: Im Anfang erschuf Gott Himmel und Erde?
Es meint, dass Gott dieser Welt und also allem Geschaffenen überall und jederzeit voraus ist. Wenn hier von einem Anfang geredet wird, den Gott selber macht, dann kommt darin seine Überlegenheit zum Ausdruck. Er ist der einzige, der in Tat und Wahrheit — achten sie genau auf die Redewendung! — in Tat und Wahrheit anfangen kann. Wir, wir können das eigentlich gar nicht — anfangen.
Das erstaunt sie jetzt bestimmt, schliesslich sagen wir ja mehrmals pro Tag: Ich fange jetzt an, dies oder jenes zu tun. Aber wenn wir so denken, dann sind wir noch sehr oberflächliche Menschen. Geht es in Wahrheit nicht viel tiefer? Ist es nicht so, dass mit uns schon immer angefangen ist, bevor wir anfangen irgend etwas zu tun? Sind unsere Anfänge nicht weit mehr geschenkt als gemacht? — Haben wir den Anfang des neuen Jahres gemacht? Nein, er wurde uns doch gegeben. Haben wir uns selber gemacht? Nein, uns wurde doch das Leben geschenkt. Bevor wir mit irgend etwas beginnen, war längst schon etwas da. Wir leben wesentlich und eigentlich von dem, was wir vorfinden und nicht von dem, was wir erfinden.
Vom HerrGott gilt das nicht. Seine Lebendigkeit steht in keiner Abhängigkeit — ganz im Unterschied zu uns. Wenn er beginnt, dann fängt ‘s an. Den Anfang aller Anfänge und das Ende aller Enden, die setzt einzig Gott. Und in dieser Einzigartigkeit kommt seine Überlegenheit zum Ausdruck. — Vielleicht nehmen wir das ja am heutigen Neujahrsabend mit nach Hause, dass Gott uns auch diesen Anfang geschenkt hat — aus freien Stücken, aus purer Gnade.
Im Anfang steht also der HerrGott, der allem und jedem voraus ist, der Himmel und Erde erschuf. Das Hebräische verwendet hierzu ein Tätigkeitswort, das nur Gott als Subjekt kennt, und bei diesem Tätigkeitswort wird auch nie ein Stoff, aus dem etwas geschaffen wird, angegeben. Zimmerli Sozusagen aus dem Nichts schafft sich Gott etwas. Dieses Etwas ist seine Schöpfung. Und diese Schöpfung besteht in Abhängigkeit von ihm. Alles Geschaffene ist von diesem Gott her und auf diesen Gott hin geschaffen.
Mit Schöpfung meint also die Bibel nicht in erster Linie das, was wir landläufig als Natur betiteln, sondern Schöpfung meint, was in Abhängigkeit von einem Schöpfer lebt. Wenn ich sage: Ich bin Teil der Natur, dann ist das Ausdruck meiner Einsicht in die Abhängigkeit eines vielfältigen biologischen Netzwerkes. Wenn ich aber sage: Ich bin Teil der Schöpfung, dann ist das ein Bekenntnis meines Glaubens in ein geordnetes und von einem gnädigen Gott regiertes Ganzes. Die Natur kann auch ohne Gott gedacht werden, nicht aber die Schöpfung. — Was übrigens dabei rauskommt, wenn wir die Welt ohne Gott denken, darauf sind wir oben bereits gestossen. Die Erde ist kräftig im Würgegriff. Oder biblisch gesprochen, das Seufzen der Kreatur ist kläglich.
Da allerdings die Lebenszeiten guter Vorsätze zu Neujahr äusserst gering sind, nützt es erfahrungsgemäss reichlich wenig, dieser Klage mit Moral zu begegnen. In den guten Vorsätzen von heute gären ja häufig schon die Schandtaten von Morgen. Da muss schon Grösseres von Statten gehen, damit eine Wende eintritt. Da sprach Gott: Es werde Licht! Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war.
So muss und so wird es zu und her gehen, wenn sich denn tatsächlich etwas ändern soll. Gott selber wird eingreifen. Das gilt seit Anfang an. Damit die Dinge sich zum Guten hin wenden, muss Gott selber Ordnung schaffen. Ohne ihn herrscht Chaos total, da ist alles wüst und leer. Tohu wa bohu sagt der Hebräer. Ein Wort, das auch im Deutschen Einzug gehalten hat.
Und vielleicht blicken wir ja nach dem rabenschwarzen vergangenen Jahr mit Besorgnis in die Welt und denken, da ist auch viel Tohuwabohu, da herrscht wenig Ordnung, aber viel Chaos. Unter Umständen ist auch das eigene Leben nicht davon ausgenommen, viel Tohuwabohu, viel Durcheinander, etliche Leerläufe, wüste Szenen und öde Erlebnisse. Aber mitten in solch ungemütliche Gedanken hinein spricht Gott sein erlösendes Wort: Es werde Licht. Und dann geschieht eben das Wunder, dass nämlich eintritt, was er sagt. Es wird hell. Es ward Licht. — (Ganz nebenbei nur: Das ist ja auch ein eminent weihnachtliches Wort. Allen kalendarischen Fakten zum Trotz steckt die Kirche noch mitten im Weihnachts-festkreis.)
Gottes Wort und Wille ist also anders beschaffen als unsere Vorsätze. So ganz, ganz anders! Wir mühen uns doch ab, manchmal quälen wir uns sogar damit, unseren Vorsätzen gerecht zu werden und meistens scheitern wir an ihnen, müssen ernüchtert feststellen, wir sind nun mal, wie wir sind, und dann resignieren wir. Gott ist anders und beurteilt uns anders, als wir uns selber verurteilen. Sein Wort gebärt Welten. Mühelos geht der Schöpfer zu Werke. Ein Wort genügt, und es wird hell. Ob uns das nicht ein guter Gedanke sein könnte fürs neue Jahr und alle kommenden? Was sagte doch gleich noch der Hauptmann jenem Zimmermann aus Nazareth? Sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund. Ein Gott gewolltes Wort und alles wird möglich.
Vorsätze sind ja stets Versuche, aus eigener Kraft zum Guten zu gelangen. Wie selten gelingt das. Der Glaube schlägt deshalb eine andere Richtung ein. Er verlässt sich von Anfang an auf die Kraft dessen, der allein gut ist, und anstelle von Vorsätzen lehrt er beten und bitten. Nicht der Selbstmächtigkeit läuft er hinterher, sondern er folgt dem nach, der Himmel und Erde erschaffen hat. Der Glaube sucht nicht die Unabhängigkeit, sondern er versucht, in der Abhängigkeit von seinem Gott zu leben.
Wir wollen uns das nicht vornehmen fürs neue Jahr, so zu leben. Ja, sie haben richtig gehört, wir wollen es uns nicht vornehmen. Aber wir wollen Gott darum bitten, dass er es uns ermöglicht, mit ihm und der Welt in Frieden zu leben. Wir wollen ihn bitten am Abend dieses ersten Tages in einem neuen Jahr, dass er doch weiterhin das Regiment selber führe und uns vor jenen bewahre, die es meinen besser zu können als er. Er möge uns doch zeigen, dass die Worte des Dichters gut sind, weil sie auf IHN, den Gütigen, abzielen. Und er möge uns bewahren vor den Humorlosen.

Was würden Sie tun, wenn Sie das neue Jahr regieren könnten?
Ich würde vor Aufregung wahrscheinlich
Die ersten Nächte schlaflos verbringen
Und darauf tagelang ängstlich und kleinlich
Ganz dumme, selbstsüchtige Pläne schwingen.
Dann — hoffentlich — aber laut lachen
Und endlich den lieben Gott abends leise
Bitten, doch wieder nach seiner Weise
Das neue Jahr göttlich selber zu machen.
Amen.

Interlaken, im Dezember 2001