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Es hatte aber alle Welt einerlei Sprache und einerlei Worte. Als sie nun im Osten umherzogen, fanden sie eine Ebene im Lande Sinear und liessen sich dort nieder. Und sie sprachen untereinander: Wohlan, lasst uns Ziegel streichen und hart brennen! Und es diente ihnen der Ziegel als Stein, und der Asphalt diente ihnen als Mörtel. Und sie sprachen: Wohlan, lasst uns eine Stadt bauen und einen Turm, dessen Spitze bis in den Himmel reicht; so wollen wir uns ein Denkmal setzen, damit wir nicht über die ganze Erde zerstreut werden. Da stieg der Herr hinab, um nach der Stadt und dem Turm zu sehen, den die Menschenkinder bauten. Da sprach der Herr: Siehe, sie sind ein Volk und haben alle eine Sprache. Und dies ist erst der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr unmöglich sein von dem, was sie sich anmassen zu tun! Wohlan, lasst uns hinabsteigen und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner mehr die Rede des andern versteht. So zerstreute sie der Herr von dort über die ganze Erde, und sie hörten mit dem Bau der Stadt auf. Darum heisst die Stadt "Babel", weil der Herr dort die Sprache der ganzen Welt verwirrt hat, und von dort aus zerstreute sie der Herr über die ganze Erde.
1. Mos 11, 1-9

Tja, liebe Gemeinde, Übermut tut selten gut und Hochmut kommt vor dem Fall. Mutig war das Unterfangen ja: Einen Turm zu bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reicht. Ob sie wohl auch die Kosten überschlugen, als sie zu bauen begannen? Ob sie wirklich jemals damit rechneten, mit ihrer Turmspitze Gott in den Hintern zu stupfen? Ob die tatsächlich so naiv waren? — Oder wird am Ende noch immer an diesem Turm gebaut? Aber wer sind dann sie? Doch nicht etwa wir? Mein lieber Schwan, wir bauen doch keine Türme bis in den Himmel! Wir bauen nur Wolkenkratzer. Da ist es noch weit bis zum Himmel. Sehr weit! Eben doch: Eine Geschichte von Vorgestern. Ist uns zwar kulturell zugewachsen, aber längst überholt. Wir bauen heute Raumstationen. Die sind schon viel weiter oben. Aber doch nicht näher dran.
Weiter oben, aber nicht näher dran — an der Wahrheit, die sich hinter dieser alten Geschichte verbirgt. Eine Wahrheit mit einem Doppelgesicht, einem Januskopf, zwei Seiten einer Medaille, das grosse Thema der Urgeschichte, der ersten Kapitel der Bibel. Gott schafft sich ein Gegenüber und sagt Du zu ihm. Aber dieses Du antwortet nicht. Es geht eigene Wege, krumme Wege. Es sagt nicht Du. Es sagt Ich.
Es ist dieses Ich, liebe Gemeinde, das sich selber bis in den Himmel baut. Es ist dieses Ich, von dem die alten Griechen behaupteten, wenn es das "Du Gott" verliere, werde es hybrid, über- und hochmütig. Ein Ich, dem das Mass fehlt. Ein massloses Ich. Ein Ich, das sich selber verstehen will, aber in der Verwirrung landet. Ein Ich, das sich sammeln möchte, weil es zerstreut ist. Ein Ich, das Krieg führt, wenn es die anderen Ichs nicht mehr versteht. Ein Ich, das krampfhaft um Sprache ringt und das doch — um mit Hölderlin zu sprechen — seine Sprache in der Fremde verloren hat. Auf die Gefahr hin, dass es fremd klingt, noch fremd klingt: Im Entscheidenden unseres Lebens sagen wir nicht Ich, sondern Du. Keine Mutter sagt Ich, wenn sie ihr Kind in den Armen hält. Du, sagt sie. Du kleiner Goldspatz. Und der Himmel ist ihr dann ganz nah — ohne Turm, ohne Krampf, ohne Arbeit.
Die Geschichte vom Turmbau ist ja eine grosse Baustelle. Da wird gearbeitet. Und wie da gearbeitet wird — zum Teil mit grossem Fleiss. Vielleicht kennen sie das Bild von Bruegel auch. Der Turmbau zu Babel dargestellt als eine einzige riesige Baustelle. Menschen wie Ameisen, jeder damit beschäftigt, seine Steine zu tragen aufs Baugerüst.
Bauen als etwas Urmenschliches. Am Ende der Urgeschichte noch einmal Urmenschliches. Menschen bauen an sich selber, an ihrem Denkmal. Bauen als menschliche Weise, sich zu verwirklichen. Kinder fangen damit an im Sandkasten. Und Erwachsene bauen sich Häuser. Bauen sich Partnerschaften und Karrieren auf. Bauen intensiv an ihrem Leben und dem Sinn, den sie ihm geben wollen. Und manchmal stürzen diese Bauten ein und dann fragen sie sich nach dem Sinn des Ganzen. Stehen vor einem Scherbenhaufen und sehen keinen Sinn mehr darin.
Ob am Ende der Turmgeschichte Gottes Eingreifen gar nicht Strafe ist als vielmehr Gnade? Gnädige Chance, in den Trümmern des Lebens einen neuen, ganz anderen Sinn zu entdecken. Einen, den weder Frau noch Mann machen kann, der aber dennoch da ist, von Aussen an einen herangetragen wird, von Gott selber auf dem Serviertablett kredenzt, der ohne Fleiss doch Preis hat.
Aber nein, einen solchen Sinn wollen wir doch nicht. Wir wollen es selber machen. Irgendwann stösst einen jedes Kind zur Seite. Es will selber stehen. Es will selber die Klötze auftürmen. Selbständig wollen wir sein. — Und müssen doch ein Leben lang nichts anders lernen vor Gott als wieder unselbständig zu werden, müssen stets aufs neue unsere Abhängigkeit lernen. Das lernt man nicht in der Schule. Das lehrt einen das Leben. Das erkennen wir mit den Jahren. Und solche Erkenntnis wird mit Verlust der Unschuld und mit der Erfahrung der Endlichkeit erkauft. Das eigene Können steht in hartem Widerspruch zur Erfahrung, dass wir einem höheren Geschick ausgeliefert sind. Tausendmal geschehen in der Menschheitsgeschichte. Ganz knapp von Meisterhand in der Geschichte vom Turmbau eingefangen.
Wohlan, lasst uns Ziegel streichen und hart brennen! Sie sind unüberhörbar stolz, die Bauleute. Im Lande Sinear, im babylonischen Zweistromland gibt es keine Steine, um Städte und Türme zu bauen. Aber des Menschen Geist ist erfinderisch. Sie brennen Ziegel, gebrauchen Asphalt als Mörtel und können so doch Städte und Türme bauen. Aus ihrer Not machten sie eine Tugend und wurden erfinderisch. Und doch gelingt es ihnen nicht. Sie scheitern an einem anderen. Die Sprache kam ihnen abhanden — wie anderen Leuten Stock oder Hut. Sie glaubten an sich und wurden über die ganze Erde zerstreut.
Ob wohl darin ein erster verborgener Link zum heutigen Pfingstfest steckt. Sie glaubten an einen und nicht an sich selber und plötzlich verstanden sie sich wieder. Ob das wohl der harte Kern ist von Pfingsten und vom Babel-Turm: Nicht ohne Gott an seinem und in seinem Leben bauen. Könnte es nicht sein, dass eben gerade der Glaube nicht Türme in den Himmel baut, sondern die Treppe sieht, auf der Gott vom Himmel herabsteigt — mitten in unsere Welt hinein? Der Pfingst-Geist als Treppenbauer, der uns Gott selber Stufe um Stufe näher bringt? Keine vermessene, hybride Annäherung an den Allmächtigen, sondern die Entdeckung von Gottes unmittelbarer Nähe in Christus. Der Geist als Kraft aus der Höhe, nicht in die Höhe. Der Geist als roter Teppich, auf dem der HerrGott uns entgegenschreitet.
Und die Geschichte vom Turmbau wird ja nicht ohne Ironie erzählt. Die Bibel erzählt uns doch keine Geschichten, damit wir betrübt, sondern damit wir froh werden. Und zur Fröhlichkeit eines Christenmenschen gehört auch die Fähigkeit, über sich selber lachen zu können. Einen Turm bis in den Himmel bauen, wo doch schon die Bäume nicht bis in den Himmel wachsen. Gott mit Ziegeln erreichen. Mit Mörtel in den Himmel. Ist ja lächerlich. Zieglein, Zieglein in der Wand, wer ist der Dümmste im ganzen Land?
Wohlan, sagen die Menschen. Zweimal sagen sie es in der Geschichte. Genau einmal sagt es Gott: Wohlan — und dann ist fertig mit Lustig. Sie wollten sich ein Denkmal setzen mit einem Turm, aber am Ende verstehen sie sich nicht einmal mehr untereinander. Sie wollten sich einen Namen machen, aber am Ende bleiben sie namenlos zurück. Verwirrt wie Schafe irren sie nun umher. Sie wollten sich sammeln im gemeinsamen Bau eines Turmes und werden darüber ganz zerstreut.
Es würde uns so gut tun, liebe Gemeinde, wenn wir über diese Turmbau-Geschichte auch lachen könnten — herzhaft lachen. Wir könnten dann nämlich über uns selber lachen. Und Gott würde mit uns lachen. Es wäre ein fröhliches Gelächter. Ein Ostergelächter und ein Pfingstgelächter zugleich.
Gewiss, es würden sich auch schnell jene einfinden, die sagen würden: Die lachen nur, weil sie betrunken sind. Das sind doch Narren. Aber wir müssten dann nur noch lauter lachen. Es wäre ein befreiendes Gelächter. Und unser Lachen, unsere Fröhlichkeit, die hätten wir dann gemeinsam. Wir wären alle christliche Narren. Wir würden im Lachen über diese Geschichte eine Gemeinschaft. Wir, die wir zerstreut sind, würden uns wieder finden.
Ist das nicht Pfingsten? Menschen finden sich im gemeinsamen Glauben an Christus wieder. Finden sich selber und weit wichtiger noch finden sich gegenseitig. Menschen, die sich gegenseitig als Du entdecken. Die fröhliche Gemeinschaft derer, die über die lächerlichen Versuche der Welt, Türme in den Himmel zu bauen, herzhaft lachen kann. Die ganz und gar nicht betrunken, sondern sehr nüchtern ihre Mitwelt betrachten. Christliche Narren, welche die Wahrheit kennen und benennen. Die trunken von Gottes Nähe in Christus alle Sorgen fröhlich hinter sich lassen können. Wäre das nicht pfingstlich — aus einer anderen Welt, weil unserer Welt und ihren Möglichkeiten völlig fremd? So fremd wie zerteilte Feuerzungen? — —
Die Geschichte vom Turmbau zu Babel steht am Ende der Urgeschichte. Aber sie steht nicht am Ende der Geschichte überhaupt. Sie ist nicht das Ende von Gottes Geschichte mit dem Menschen. Die Urgeschichte führt nach Ur — in Chaldäa, und dort lebte einst Abraham. Auf die Urgeschichte folgt die Geschichte Israels, die Geschichte der Erwählung. Es folgt jene Geschichte, in der sich Gott selber ein Denkmal gesetzt hat. Und sein Denkmal ist nicht aus Ziegeln, es ist eine Verheissung, die noch heute — nach so vielen Jahrhunderten noch — lebendig ist: Ich habe dich bei deinem Namen gerufen — du bist mein.
Du — sagt Gott. Du, Mensch, bist mein Geschöpf — dich lasse ich nicht fallen um meines heiligen Namens willen nicht. Du kannst dich zwar selber zu Fall bringen. Aber auffangen werde ich dich. Der Fallschirm Christi fängt auch dich auf, weil er mit meinem Geist gefüllt ist. Er fängt auch dich auf, wenn du runterfällst von den Türmen deines Lebens. Es wird vielleicht ein Sturz aus grosser Höhe sein. Aber es wird kein Sturz ins Bodenlose sein. Mein Geist trägt. Amen.

Interlaken, an Pfingsten 2000