Navigation
Und der Herr sprach zu Abram: Ziehe hinweg aus deinem Vaterland und aus deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Haus in das Land, das ich dir zeigen werde; so will ich dich zu einem grossen Volk machen und dich segnen und deinen Namen berühmt machen, und du sollst ein Segen sein. Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden. Da zog Abram weg, wie der Herr zu ihm gesagt hatte und Lot zog mit ihm. 1. Mos 12, 1-4a

"Dies ist ein sonderlicher, vortrefflicher Text und einer aus den vornehmsten der ganzen heiligen Schrift. Darum soll man ihn nicht leichtsinnig und obenhin berühren und überlaufen, sondern fleissig ansehen, sorgfältig auseinanderwickeln und erklären." Das ein Zitat Luthers zur Stelle, liebe Gemeinde. Wir wollen es beherzigen für die Predigt und im Sinne eines guten Ratschlages auch befolgen. Nicht oberflächlich, sondern fleissig und sorgfältig zuhören. Den Worten eine Chance geben, sie auseinanderwickeln, und, wer weiss, vielleicht wickeln sie dann uns ein, ziehen auch uns in ihren Bann und zeigen uns so etwas von ihrer gigantischen Weite.
Und der Herr sprach zu Abram. — Stopp! Da müssen wir bereits ein erstes Mal unserer Sorgfalt freien Lauf lassen. Der Herr spricht zu Abram. Gott ergreift die Initiative. Er leitet etwas Neues ein. So wie er — in der Logik der ersten Kapitel der Bibel — am Anfang durch sein Wort eine geordnete Welt schafft, so erschafft er jetzt durch sein Wort wieder etwas Neues. Er bestellt sich sein Volk, indem er einen Menschen beruft. Wir können damit eigentlich nicht sorgfältig genug umgehen. Denn wie schlechter Same schlechte Frucht hervorbringt, so würde uns hier ein falscher Ausgangspunkt mit Sicherheit auf Abwege führen. Abwege, die im bessern Fall nur Umwege wären, im schlechteren Fall komplette Irrwege.
Weder ein Entschluss, noch der Gehorsam und auch nicht ein irgendwie gearteter frommer Wille des Abrams stehen am Anfang und lösen damit alles Folgende aus, sondern am Anfang steht einzig und allein Gottes Wort, sein Entschluss: Der Herr sprach zu Abram. Es gibt keinen Grund aus Abram eine fromme Ikone, einen Glaubens-Helden oder religiösen Übermenschen zu machen, aber es gibt hundert Gründe dagegen. Und dagegen spricht eben zuerst und vor allem die Tatsache, dass Gott selber die Initiative ergreift.
Was sich hier gleich zu Beginn aufdrängt, wird sich durch all unsere Verse hindurch bestätigen: Der Handelnde ist Gott und nicht Abram. Und vielleicht erahnt der eine oder die andere bereits, was dahinter letztlich für eine ungeheure Entlastung, um nicht zu sagen, Befreiung steckt. Da wird und wurde uns doch dieser Abram immer wieder als frommes Vorbild vor Augen gestellt, als ein Musterbeispiel für Glaubensgehorsam. Aber wenn wir dann, von unserem guten Willen wieder einmal verlassen, wenn uns die eigenen Vorsätze nur noch aus der Ferne mit dem Taschentuch nachwinken, wir also auf die Nase gefallen sind, am eigenen Ich Schiffbruch erleiden und mit aller Deutlichkeit erfahren, so gehorsam wie Abram sind wir nicht oder wollen es vielleicht auch gar nicht sein oder sind es nicht mehr, dann ist uns dieses fromme Vorbild ganz und gar keine Hilfe mehr, dann ist es uns nur noch ein Stachel im Fleisch, der uns schmerzlich spüren lässt: Abram ist besser als wir. Einfach alles hinter uns lassen, das können und wollen wir nicht. Dazu fehlt uns der Mut. Und diese ganze Missstimmung inklusive des daraus resultierenden Missverständnisses zeitigt sich nur deshalb, weil wir fahrlässig ausser Acht liessen, wer hier die Dinge ins Rollen bringt — Gott und nicht Abram.
Machen Sie sich selber einen Gefallen und werfen Sie solchen Vorbild-Glauben über Bord. Entlasten Sie sich, und werden Sie dafür sorgfältig im Umgang mit der Schrift. Hurra, ich muss nicht wie Abram sein. Ich darf ich sein. Heureka! Gott ist da! Darum geht es: Der ist da und der bleibt da. Den kriegen Sie nicht weg, da können Sie höchstens wie kleine Kinder die Hände vor die Augen halten und sagen: "Du siehst mich nicht."
Wenn man doch nur so glauben könnte wie Abraham! Das ist ein Satz, liebe Gemeinde, den hört man als Seelsorger ab und zu. Gewiss, hinter diesem Satz steckt eine grosse Not, aber dahinter steckt auch ein fundamentaler Irrtum, nämlich der Irrtum, dass der Glaube unser Werk sei. Das ist er nicht, auch wenn er sich in uns und durch uns vollzieht und manifestiert. Abram gehorchte dem Herrn nicht, weil er besser oder frömmer als andere war, sondern weil sich der Herr ihm in unwiderstehlicher Art und Weise offenbarte. Um den Notruf nach einem Abraham-Glauben noch einmal aufzunehmen, würde das heissen, nicht mangelnden Glauben beklagen, sondern nach genau diesem Gott, dem Gott Abrams, verlangen. — Beten bis er kommt! — Mein Glaube wird weder besser noch schlechter, wenn ich ihn mit dem Abrams vergleiche. Besser wird er erst dann, wenn Gott selber zu Werke geht.
Darum ist dieser erste Satz so zentral, so wegweisend, weil es nicht um die Grösse Abrams und damit auch nicht um meine Grösse oder Schwäche geht, sondern um die Grösse Gottes, der doch tatsächlich redet und sich mitteilt, wo er doch in keiner Weise dazu gezwungen wäre, dies zu tun.
Wickeln wir unsere Verse noch ein wenig weiter aus. Gott spricht also zu Abram: Ziehe hinweg aus deinem Vaterland und aus deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Haus in das Land, das ich dir zeigen werde. Als wäre das eine Bestätigung für die vorherigen Ausführungen. Nein, der Abram bricht nicht einfach ins Unbekannte auf. Nein, der Abram geht kein Wagnis, kein Risiko ein, wenn er auf Gott hört. Nein, es geht nicht um blinden Gehorsam. Darum geht es vielleicht bei militärischem Drill, um blinden Gehorsam, hier vor Gott geht es um sehenden Gehorsam. Ein Wagnis würde Abram nur dann eingehen, wenn er Gottes Wort nicht gehorchen würde. Abram geht kein Risiko ein, wenn er auf Gott hört und ihm vertraut, er macht das einem Menschen einzig angemessene, er entspricht seinem Schöpfer. Abram bricht nicht ins Ungefähre auf, sondern er bricht auf, weil ihm ein lohnendes Ziel verheissen ist. Das Land, das ich dir zeigen werde. Und das verheisst ihm kein Hansdampf, sondern der lebendige Gott selber.
Wer immer diesen Text braucht, um damit einer Veränderung oder einem Aufbrauch an sich — womöglich noch als Appell kostümiert: "Wir müssen, sie müssen" — das Wort zu reden, der missbraucht ihn. "Veränderung ist nicht schon darin gut, dass sie Veränderung ist. Auch Abrahams Aufbruch ist nicht als solcher 'gut', sondern nur um des Zieles willen." Jeremias
Solche Einsicht ist Match entscheidend, liebe Gemeinde. Weil das Ziel sich lohnt, deshalb bricht Abram auf und nicht einfach um des Aufbruchs oder der Veränderung willen. Echte Aufbruchsstimmung kommt doch nur dort auf, wo es ein lohnendes Ziel gibt. Keiner wandert aus, um des Auswanderns willen. Oder denken Sie wirklich Flüchtlinge flüchten weil es auf der Flucht so lustig ist? Nein, um des Zieles willen — mit Sicherheit. Ohne Ziel gibt es weder Perspektive noch Aufbrüche, geschweige denn Veränderungen. Ohne Ziel herrscht Resignation.
"Es gilt hier Ähnliches wie in der Nachfolge Jesu, wo die Fischer ihre Netze verlassen, oder im Gleichnis vom Schatz im Acker, um dessentwillen alles verkauft wird." Jeremias Das Ziel lohnt. Also ist diese Aufforderung nur insofern eine Zumutung von Seiten Gottes, als sie auch uns ermuntert, Gott mehr zu gehorchen als den Menschen und darin eingeschlossen selbstverständlich die eigene Person.
Das Gesagte hilft uns, die eigene Situation und Gegenwart genauer zu bestimmen. Dass wir so häufig im Gehorsam oder im Glauben oder in beidem zusammen das Besondere sehen und das dann auch mit viel Eifer in die Person eines Abram hineinlegen und hineininterpretieren, dass wir also in seinem Verhalten gerade nicht das Normale erkennen, zeigt das nicht peinlich eigene und zeitgemässe Gott-Ferne und -Fremde an? Vor Gott ist es stinknormal, dass wir seinem Wort trauen. Ihm nicht glauben und vertrauen, das ist anormal. Wenn wir etwas von Abram lernen können, dann dies. —
Unser Text kann das in wunderbarer Knappheit ausdrücken. Eine Knappheit, die eben Sinn hat. Da zog Abram weg, wie der Herr zu ihm gesagt hatte. Wenn Gott sich an einem mächtig erzeigt, dann überlegt niemand mehr, ob er jetzt soll oder nicht soll, nein, dann geht er. Und das hat eben dann mit unserem Willen sehr, sehr wenig bis gar nichts zu tun, aber es hängt sehr viel, im Grunde genommen alles, an Gottes Willen.
Dass dieser Wille ein guter ist, das versprechen uns diese Verse, insofern nämlich in der Person Abram ein Zeiten und Geschlechter übergreifender Segen in Aussicht gestellt wird. Das lehrt uns aber ebenso die Stellung dieser Verse im Aufbau des 1. Buch Mose. Sie stehen nach der Urgeschichte, nach jener fatalen Geschichte Gottes mit der Welt und mit den Menschen, nach Brudermord, Rachelied, Sintflut und Turmbau. Vertreibung, Untergang und Verwirrung sind nicht die bestimmenden Grössen im Verhältnis zwischen Schöpfer und Geschöpf, sondern die bestimmende Grösse ist Gottes gnädiger Wille, seine Erwählung, das Wunder einer Berufung. Ein Einzelner wird herausgerufen, wird exponiert, um in ihm und durch ihn eine Zukunft aufzubauen.
Sehen Sie, liebe Gemeinde, die hellfreundliche Zukunft, die sich aus diesen alten Versen ergiesst wie ein breiter Strom. In dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden. Leuchtet da nicht etwas von zukünftiger, göttlicher Herrlichkeit auf? Alle Geschlechter, nicht nur diese oder jene, die Frommen und die Braven, die Besseren und die Mehrbesseren, nein, alle sind in diesem Abram gesegnet, so wie wir alle in Christus Jesus gerettet sind. Wenn Gott die Initiative ergreift, dann macht er keine halben Sachen. Dann macht er Nägel mit Köpfen.
Und jetzt wickeln wir ein letztes mal. Was heisst das nun? Was heisst es für uns je einzeln und was heisst es auch für uns als Kirche? Aufbruch um des Aufbruchs willen — niemals. Aber Aufbruch dort, wo Gottes Wort gehört wird, dort wo Menschen diesem Gott mehr vertrauen als den eigenen kurzsichtigen Möglichkeiten und begrenzten Perspektiven. Noch schärfer formuliert: Aufbruch genau dort, wo Gott selber neu aufbricht in unser und in unserem Leben. Wer zu neuen Ufern aufbricht und hat kein lohnendes Ziel, der ist ein Narr. Wer die Kirche reformieren will einfach um der Reformen willen, der wird sich verzetteln. Es gilt das Ziel vor Augen zu haben. Bei Abram war es das verheissene Land. Und bei uns?
Damit tun wir uns schwer — nicht wahr? Weil uns da das Heft aus der Hand genommen wird. Da packt ein anderer zu und regelt die Dinge. Und wir — wir sind im besten Fall noch Handlanger. Ein anderer wird den Ton angeben. Abram hat nach seiner Pfeife getanzt. Und er ist dabei gut gefahren. Amen.
 
Interlaken, im August 2000