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Dann brachen die Israeliten vom Berg Hor auf und schlugen die Richtung zum Schilfmeer ein, um Edom zu umgehen. Unterwegs aber verlor das Volk den Mut, es lehnte sich gegen Gott und gegen Mose auf und sagte: Warum habt ihr uns aus Ägypten heraufgeführt? Etwa damit wir in der Wüste sterben? Es gibt weder Brot noch Wasser und diese elende Nahrung ekelt uns. Da liess der Herr Giftschlangen unter dem Volk los. Sie bissen die Leute, und es starb viel Volk. Die Leute kamen zu Mose und sagten: Wir haben gesündigt, denn wir haben uns gegen den Herrn und gegen dich aufgelehnt. Bete zum Herrn, dass er uns von den Schlangen befreit. Da betete Mose für das Volk. Und der Herr antwortete Mose: Mach dir eine Schlange, und stecke sie auf eine Stange! Jeder, der gebissen wird, wird am Leben bleiben, wenn er sie ansieht. Mose machte also eine Schlange aus Kupfer und steckte sie auf die Stange. Wenn nun jemand von einer Schlange gebissen wurde und zu der Kupferschlange aufblickte, blieb er am Leben. Dann zogen die Israeliten weiter und lagerten sich in Oboth. 4. Mos 21, 4-10

Liebe Gemeinde! Dann brachen die Israeliten vom Berg Hor auf, und wir, wir sind mit diesem Aufbruch, mit dieser alttestamentlichen vielschichtig überarbeiteten Erzählung plötzlich mitten in der Wüste gelandet. Mitten in jener Wüste, die sich zwischen den Fleischtöpfen Ägyptens und dem Land, wo Milch und Honig fliesst, erstreckt, aber auch Mitten in der Wüste menschlicher Empörung und Auflehnung gegen Gott. In der Wüste da liegen nicht nur Leben und Tod, da liegen auch Verderben und Rettung, Undank und Reue nahe beieinander. Gott musste sein Volk wieder zur Besinnung bringen. War es doch gänzlich von Sinnen, als es sich gegen IHN und Mose auflehnte. Aber wir wollen nichts überstürzen, sondern uns schön der Reihe nach durch diese Erzählung arbeiten, solange bis wir bei uns selber ankommen.
Die Israeliten schlugen die Richtung zum Schilfmeer ein. Haben sie’s gemerkt? Wahrscheinlich nicht alle. Die schlagen ja die falsche Richtung ein — die Israeliten! Die sind doch auf dem Weg von Ägypten durch die Wüste ins gelobte Land. Da sollten sie doch das Schilfmeer im Rücken haben. Aber nein, sie schlugen die Richtung zum Schilfmeer ein. Gottes Volk im Rückwärtsgang. Also doch zurück an die Fleischtöpfe? Genug von diesem faden Manna-Frass.
Kennt hier einer die Geografie schlecht? Oder ist das am Ende Absicht? Absicht eines Redaktors etwa, der den Aufmerksamen damit einen Wink geben will? Kurz vor dem Ziel, bevor das Volk im gelobten Land ankommt, wird noch einmal alles in Frage gestellt. Gottes Verheissung läuft nicht einfach mechanisch ab, man oder frau hat sie nicht auf sicher. Sie kann sich jederzeit wieder zerschlagen. Kurz vor dem Ziel kommt das Volk noch einmal in äusserste Gefahr. Noch einmal muss es — nota bene schmerzlich — lernen, dass dieser Gott Israels ein unberechenbarer Gott ist. Zwar kann man auf diesen Gott zählen, aber man kann ihn nicht verrechnen. Ich bin ein freier Gott. Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, Spruch des Herrn.
Und jetzt machen wir einen ersten Überschritt ins Jahr 2000. Kennen wir das nicht? Kurz vor dem Ziel, und alles wird noch einmal in Frage gestellt? Gehört das nicht zu den Grunderfahrungen eines Menschen? Pflegen wir nicht zu sagen: "Sicher ist sicher", weil wir genau wissen: Nichts ist sicher, so lange wir es nicht auf Sicher haben? Und machen wir uns nicht häufig etwas vor, wenn wir den Wahn unserer Gesellschaft nach Sicherheit Marke Eigenfabrikat bis ins Absurde steigern? Versteckt sich am Ende hinter dieser Sucht nach Sicherheit eine unausgesprochene Wahrheit über unser Leben? Eine Sehnsucht hinter der Sucht? — Unsicher ist unser Leben bis in die letzte Stunde hinein. Wer kann schon sein Leben sichern?
Wir machen einen Schritt zurück — wie die Pilger: Zwei Schritt vor, einer zurück — in unserer Wüstenerzählung. Unterwegs aber verlor das Volk den Mut. Und das ist noch harmlos übersetzt. Die Luft ist ihm ausgegangen, es hat sich in die Hosen gemacht, es war körperlich und seelisch erschöpft, frustriert, kleinmütig ist es geworden. Und wo der Mut klein ist, da ist die Empörung schnell gross: Warum habt ihr uns aus Ägypten heraufgeführt? Etwa damit wir in der Wüste sterben?
Man muss sich mit seiner Bibel schon ein wenig vertraut gemacht haben, um das Ungeheuerliche, das schlechterdings Haarsträubende dieser Worte mitzubekommen. Ausgerechnet jenem Gott, der sein Volk aus der Sklaverei herausgeführt hat, wird von genau diesem Volk nun der Vorwurf gemacht: Du hast uns nur in die Wüste geführt, um uns umzubringen. Der rettende und heilsame Gott wird in die Nähe eines Mörders gerückt! Gott hat sein Volk am Schilfmeer nur deshalb vor Ägyptens Verfolgern errettet, um es dann eigenhändig in der Wüste umbringen zu können. Ross und Reiter warf er ins Meer — so das Urbekenntnis Israels — um sich — so die Perversion des frustrierten Volkes — um sich selber an ihm vergreifen zu können. Da friert dem Glauben das Blut in den Adern ob soviel Anmassung.
Machen wir wieder einen grossen Schritt in unsere Lebenswelt. Kennen sie das nicht? Da sagt einer: "Ich glaube nicht mehr an Gott. Gäbe es einen Gott, er würde all dieses Leiden auf Erden nicht zulassen." Geschieht hier nicht Ähnliches? Anmassung im Quadrat? Ein Geschöpf, ein Mensch, lehnt sich verzweifelt gegen seinen Schöpfer auf? Wird mit einer solchen Behauptung nicht das Leiden grösser gemacht als Gottes Wirklichkeit? Kann eine Tonscherbe allen Ernstes zu seinem Töpfer sagen: Dich gibt es gar nicht? Diktiert hier nicht jemand im Deckmantel der Bestürzung wie und was Gott zu sein hat? Was masst sich ein Sterblicher hier letztlich an? Den gibt es nicht, sonst würde er ... Wer hat hier eigentlich das Sagen?
Zurück in die Wüste. Das Volk hat Gott mit seinen Fragen zum Teufel gemacht, also wird er ihm jetzt zum Teufel. Er lässt die von den Israeliten mit ihren Fragen intendierte Wirklichkeit, Realität werden. Er lässt die Schlangen los. Jetzt wütet der Teufel. Und es starb viel Volk.
Wenn Gott auch nur eine Sekunde so wäre, wie wir ihn uns ausmalen oder ihm gar vorwerfen, wie er sei, dann Gnade uns — wessen Gnade? Diese Erzählung ist nicht nach dem primitiven Strickmuster Verfehlung-Bestrafung gefertigt. Das Wort Strafe kommt ja gar nicht vor. Sie geht tiefer, viel tiefer. "Die Lüge, als ob Gott erwähle, um zu vernichten, wird für einen Augenblick schreckliche Realität. Dieser Lüge verschrieben, seiner eigenen Ohnmacht überlassen, kann das Volk nur elend zugrunde gehen." Chr. Barth In der Schlangenplage spiegelt sich eine Welt, die sich selber überlassen ist, weil sie ihre eigene Meinung von Gott hat. Und das kommt einer Katastrophe gleich.
Erst in dem Moment, wo das Volk sich selber erkennt, wo es seinen Irrtum und auch seine eigene Schuld erkennt, wird ihm geholfen werden. Es wendet sich an Mose und bittet seinen Führer um Fürbitte. Das heisst: In der Not sucht es das Rettende, und es glaubt es wieder bei Gott, sonst würde es kaum bei Mose vorstellig werden. Wahrlich: Not lehrt beten! Selbsterkenntnis als Schlüssel zur Gotteserkenntnis und umgekehrt. An diesem Punkt fallen all die Jahrhunderte zwischen damals und heute wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Wir entdecken uns in dieser alten Geschichte wieder. Sie wird heute sprechend als hätte sie kein Alter.
Kleiner Ausfallschritt zur Seite. — Selbsterkenntnis ist immer auch Einsicht in die eigene Schuld. Auch das lehrt uns die Erzählung. Und von der Problematik her meisterhaft in Szene gesetzt von Kleist in seinem Prinz Friedrich von Homburg. Der Kurfürst kann den Prinzen, seinen Schwiegersohn in spe, erst an dem Punkt begnadigen, wo dieser seine eigene Schuld erkennt und eingesteht. Vorher ist er zum Tode verurteilt. Auch das gehört zu den Grundwahrheiten des Daseins: Selbsterkenntnis geht nicht ab ohne Einsicht in die eigene Dimension von Schuld. Wer das leugnet oder verdrängt, wird es mit den Jahren unter erschwerten Bedingungen einsehen müssen. — Ab in die Wüste!
Das Volk hat wieder erkannt: Gott hilft. Eine Schlange aus Kupfer schafft dem Übel Abhilfe. Nicht etwa die Schlangen verschwinden. So löst der HerrGott die Probleme nicht. Sondern ein Schlangenbild muss angefertigt werden. Das heisst, die Erinnerung an die eigene Schuld bleibt, auch wenn die Vergebung manifest ist. Vergeben heisst nicht vergessen. Vergeben heisst, nicht mehr darauf behaften, nicht mehr als Schuld anrechnen. Die Erinnerung muss bleiben, damit nicht schon Morgen die selben Vergehen Urstände feiern. Und machen sie hier ruhig einen kleinen Sprung in die Gegenwart. — Vielleicht können ja Opfer ihren Tätern vergeben, aber vergessen können die Opfer nicht und die Täter dürfen es nicht. Die Erinnerung steht gegen Wiederholung. Das Vergessen provoziert Wiederholung.
Und jetzt machen wir noch einmal einen Schritt vorwärts — zu Johannes dem Evangelisten. Wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der an ihn glaubt, ewiges Leben hat. Christus und die Schlange. Beide zeigen sie Rettung an, liebe Gemeinde. Das verbindet die alttestamentliche Erzählung mit dem neutestamentlichen Bericht über Jesus. Dort, wo Gott am Werk ist, da tritt er als Retter auf. Das wird im Bild der Kupferschlange und im Sinnbild des Kreuzes deutlich. Gott kommt letztendlich als Retter und nicht als Verderber. Dort, wo wir ihn als Verderber wahrnehmen, dort sind wir selber am Werk. Dort wüten die Pfuscher.
Ärzte haben als Zeichen ihres Berufsstandes einen Aeskulapstab. Ein Stab mit einer gewundenen Schlange als Zeichen, als Signal dafür, dass sie irdisches Leben retten wollen und können. Ihr Standessymbol geht allerdings nicht auf unsere Wüstenerzählung zurück, sondern auf den griechischen Gott der Heilkunde, den Asklepios, dem letzten dem der sterbende Sokrates in Worten gedachte. "O Kriton, wir sind dem Asklepios noch einen Hahn schuldig, entrichtet ihm den und versäumt es ja nicht." Was für eine Geste auf dem Totenbett!
Gottes Aeskulapstab ist das Kreuz auf Golgota. Bundes-Zeichen, Signal dafür, dass er Leben retten will und kann — weit über das hinaus, was wir hier mit Wirklichkeit umschreiben. Wer nicht auf das Kreuz sieht, der sieht auch den Heiland nicht. Er sieht den nicht, der ihn heilen kann. Wenn nun jemand von einer Schlange gebissen wurde und zu der Kupferschlange aufblickte, blieb er am Leben. Wen die eigene Schuld drückt, der muss und darf aufsehen zu Jesus am Kreuz. Er heilt, weil er vergibt. Ihn, den Gekreuzigten, müssen wir im Auge behalten, wenn wir das Heil nicht aus den Augen verlieren wollen.
Zum Schluss noch ein Schritt in die Zukunft — in Form von Fragen. Ist die Kirche zur Zeit vielleicht auch auf einer Wüstenwanderung? Murren da nicht einige und begehren auf? Wenn dem so wäre, dann wüsste sie doch eigentlich vor dem Hintergrund unserer Schlangen-Geschichte, was nötig ist und was nicht? Müsste sie nicht, wenn sie von Schlangen gebissen, von Versuchungen bedroht ist, aufblicken zu Christi Kreuz? Hängt ihre Berechtigung und letztendlich auch ihr Überleben nicht davon ab, ob sie auf den Gekreuzigten schaut? Sind ihre Tage nicht schon lange gezählt, wenn sie anderswo hin schielt? Schrieb Paulus nicht an seine Gemeinde in Korinth: Ich beschloss nichts unter euch zu wissen als Jesus Christus, und zwar als gekreuzigten? Ist nicht sein Kreuz der Aeskulapstab einer jeden Gemeinde? —
Dann zogen die Israeliten weiter und lagerten sich in Oboth. Auch wir ziehen weiter, lagern wieder in unseren Häusern und Wohnungen. Und wahrscheinlich kommen wir als Kirche in den nächsten Jahren erst so richtig in die Wüste hinein. Es wird dann alles darauf ankommen, das Kreuz Christi, Gottes Aeskulapstab, nicht aus den Augen zu verlieren. Dann bleiben wir gesund und heil. Amen.

Interlaken, im April 2000