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Welchen Gewinn hat der Mensch von seiner ganzen Mühe und Arbeit unter der Sonne?
Ein Geschlecht geht, und ein Geschlecht kommt,
und die Erde bleibt ewig bestehen.
Und die Sonne geht auf, und die Sonne geht unter
und strebt nach dem Ort,
wo sie aufgeht.
Es weht nach Süden und dreht nach Norden,
dreht, dreht, weht, der Wind.
Und weil er sich dreht, kommt er wieder, der Wind.
Alle Flüsse fliessen zum Meer,
und das Meer wird nicht voll.
Zum Ort, dahin die Flüsse fliessen,
fliessen sie und fliessen.
Alles Reden müht sich ab,
keiner kommt damit zum Ziel.
Das Auge sieht sich niemals satt,
und das Ohr wird vom Hören nicht voll.
Was einmal geschah, wird wieder geschehen,
und was einmal getan wurde, wieder getan,
und nichts ist wirklich neu unter der Sonne.
Wohl sagt man: Sieh dies an! Es ist neu! —
Es war längst schon einmal da,
in den Zeiten, die vor uns waren.
An die Früheren erinnert man sich nicht,
und an die Späteren, die kommen werden,
auch an sie wird man sich nicht erinnern
bei denen, die zuletzt sein werden. Koh 1, 3-11

Liebe Gemeinde! Das ist ein wunderbar melancholischer Text. So schön sinnlos kann das Leben unter der Sonne sein. So absolut zwecklos kann sich menschliches Mühen ausnehmen. Die Botschaft des Predigers ist trostlos. Das ist wahr. Aber in ihrer Trostlosigkeit ist sie auch ungemein ernüchternd. Wenige nur kratzen so schonungslos am Lack herkömmlicher Überzeugungen und Weisheiten wie Kohelet, uns zu deutsch unter dem Namen Prediger bekannt.
Kohelet ist kein Prediger im gängigen Sinn. Wer sein Büchlein liest, wird das schnell einmal merken. Was er verkündet, ist weniger erbauend, als vielmehr erschütternd. Schüttelt es einen nicht, so friert es einen zumindest, wenn man beim Prediger in die Schule geht. Er ist ein gestrenger Weisheitslehrer. Für Phantasie bleibt wenig Raum, und Hoffnung kennt er nicht. Das ganze menschliche Tun und Lassen ist am Ende vergeblich, ein Haschen nach Wind. Alles ist flüchtig. Alles ist eitel. Alles ist nichtig. So die Grundüberzeugung des Versammlungsleiters — eine der möglichen Übersetzungen für seinen Namen.
Gerade in dieser nihilistischen Haltung scheint er aber moderne Menschen durchaus anzusprechen. Wäre Kohelet nur ein bisschen vulgärer, er könnte durchaus ein Zeitgenosse sein. Aus seinem alles ist nichtig, wird ach so leicht ein alles ist Scheisse. Hat eh keinen Einfluss, ob ich jetzt wählen gehe oder nicht, die da oben machen sowieso, was sie wollen. Was soll ich mir da gross Mühe geben, wenn sie mich morgen schon wieder auf die Strasse stellen. Spielt doch keine Rolle, ob ich mich einsetze oder nicht, am Ende kommt ja doch der Hammer. Der Tod frisst sich durch die Reihen wie die Made durch den Speck. Und das war’s dann auch schon. Also geniessen wir das Leben solange wir noch können. Trink, Brüderlein, trink! Don‘t worry, be happy! And take it easy! Oder in der Sprache Kohelets: Geniesse das Leben mit einer Frau, die du liebst. Das Frauenbild bei Kohelet ist eh katastrophal.
Da bleibt wenig Platz für hehre Worte wie Pflicht und Dienst, Verantwortung und Auftrag. Das süsse Gift Kohelets zersetzt sie alle. Und übrig bleiben diese schauderhaft schönen Verse. Welchen Gewinn hat der Mensch von seiner ganzen Mühe und Arbeit unter der Sonne? Ja, das kann man sich schon fragen, wenn man so in die Runde schaut. Die Bilanz fällt tatsächlich ernüchternd aus. Auch diesbezüglich ist Kohelet ja äusserst aktuell. Sein Weltbild ist ein auf den Menschen konzentriertes und vom Menschen aus entworfenes Weltbild. Die Frage nach dem Gewinn für den Menschen steht an erster und also an oberster Stelle. Im Zentrum steht der Mensch. Das kann man heute jedem zweiten Hochglanz-Prospekt entnehmen. Ob Banken oder Spitäler, Versicherungen oder auch Kirchgemeinden, sie tönen alle etwa gleich. Sie rücken den Menschen ins Zentrum aber schielen doch diskret nach dem Gewinn. Und langsam nur, viel zu langsam, beginnen wir zu ahnen, dass das ein äusserst gefährliches Konzept ist, alles Menschenmögliche um des Menschen willen zu tun. Ist der Mensch wirklich das Mass aller Dinge? Ist er nicht vielmehr Teil eines Ganzen?
Für Kohelet aber ist das Ganze eh sinnlos. Ein Geschlecht geht, und ein Geschlecht kommt, und die Erde bleibt ewig bestehen. Generationenwechsel sind bedeutungslos. Wie die Wellen auf den Strand schlagen, so verschwindet eine Generation nach der andern in der Versenkung. Ein Sinn ist in diesem endlosen Weiterrollen nicht auszumachen. Nichts da von der Freude der Grosseltern an ihren Enkeln, keine Spur von Hoffnung auf eine bessere Zukunft, null Optimismus. Kohelet denkt nicht pink. Er denkt black.
Und doch bringt die Skepsis des Predigers in uns eine Seite zum klingen. Nehmen wir uns nicht oft sehr wichtig, überwichtig? Aber sind wir denn viel mehr als ein winzig kleines Rädchen in der grossen Weltenuhr? Ist es am Ende möglich bei Kohelet wenn vielleicht nicht gerade Demut, so doch wenigstens Bescheidenheit zu lernen? Oder lehrt uns der Weisheitslehrer eben doch nur die eigene Belanglosigkeit. Ihr seit nicht von Belang, morgen schon steht die nächste Generation vor der Tür.
Nebenbei dieser Vers von der Beständigkeit der Erde wurde unter anderem im Streit mit Galileo Galilei von der Katholischen Kirche ins Feld geführt. Er sollte beweisen, dass die Erde sich nicht um die Sonne dreht. Hier steht doch, dass sie ewig bestehen bleibt, also kann sie sich doch nicht bewegen. Darüber kann man heute nur noch schmunzeln und gestehen: So Unrecht hat er nicht, der Prediger. Auch jene Generation nahm sich viel zu wichtig und war doch nur ein Wimpernschlag in der Weltgeschichte. Mein Gott, und wie wichtig nehmen wir uns und unser Wohlergehen um jeden Preis!? Unsere Kinder werden ein schweres Erbe antreten.
Von Gott spricht Kohelet selten. Auch das macht ihn vielen Zeitgenossen sympathisch. Dafür spricht er neben der Erde von der Sonne, dem Wind und dem Meer. Versteckt sich hier eine Anspielung auf die klassischen vier Elemente der Alten: Erde, Feuer, Luft und Wasser? Wie dem auch sei, bei Kohelet verliert auch die Sonne von ihrem Glanz. Sie gleicht einer glücklosen Sklavin, die tagtäglich ihre Bahn abschreiten muss. Die Welt steckt in der Zwangsjacke eines nicht zu ergründenden Sinns. Ein ewiger Kreislauf ohne Ende. Unweigerlich denkt man an fernöstliche Religionen. Oder vielleicht besser an Heinrich Heine. Da kann man wenigstens noch schmunzeln. "Das Fräulein stand am Meere / Und seufzte lang und bang, / Es rührte sie so sehre / Der Sonnenuntergang. / Mein Fräulein! sein Sie munter, / Das ist ein altes Stück; / Hier vorne geht sie unter / Und kehrt von hinten zurück." Ein Todesstoss für jegliche Romantik. Heine und Kohelet. Vielleicht sitzen die im Himmel ja am selben Tisch?
Wind und Wasser unterliegen dem gleichen sturen Schicksal. Der Wind dreht und dreht und weht und kommt wieder und hört nicht auf. Die Flüsse fliessen und fliessen und doch wird das Meer nie voll. Wo ist hier ein Anfang oder wo ein Ende? Die Frage nach dem Huhn und dem Ei hat sich erledigt. Endlose, sinnlose Wiederholung. Zu allen Zeiten geschieht immer das gleiche. Das ist ermüdend bis zum Umfallen. — Und doch macht man solche oder ähnliche Erfahrungen im Leben, nicht wahr? Irgendwann ist man müde. Es ist nicht der Tod, es ist das Leben, das uns besiegt. So müde, dass man genug hat von diesen steten Wiederholungen und Gleichförmigkeiten. Selbst der grösste Radio Sommerhit wird irgendwann langweilig. Der Reiz des Unbekannten verflüchtigt schnell. Man gewöhnt sich an alles, sagen die Leute. Die Monotonie ist die Vorbotin des Todes.
All diese Worte und Bilder und Geräusche. Reden, die nie ans Ziel kommen. Menschen, die sich nicht ändern. Sinneseindrücke ohne Zahl. Es gibt einfach nichts Neues unter der Sonne. Alles schon einmal dagewesen. Immer dasselbe. Mal sind die Krawatten breit und dick und dann wieder schmal wie Schnürsenkel. Heute tragen sie die Hosen auf dem Gesäss, nächstens werden sie knapp unter dem Hals geschnürt. Werfen sie gute Kleider ja nicht weg. In 10 Jahren sind die wieder voll im Trend. Denn die letzten von heute, sind die ersten von morgen und dann schon wieder die vorletzten von übermorgen und bereits auch die allerersten von überübermorgen. Ein sinnloses Kommen und Gehen. Retrodesign als Avantgarde und Comebacks als Top Events. Ach, wie sehr gieren wir nach Neuem und bleiben doch immer wieder im Alten stecken! Ändert sich die Welt wirklich? Ist die Vorstellung von etwas gänzlich Neuem nicht bloss Einbildung, "die sich darauf gründet, dass das menschliche Gedächtnis unglaublich kurz ist." A. Lauha
Kohelet ist ein radikaler Denker. Er geht bis an die Wurzeln. Auch wenn er dabei in Widerspruch gerät mit den vorherrschenden Traditionen Israels. Spricht die Bibel nicht von einem Neuen Bund, von neuen Herzen, von einer neuen Erde, einem neuen Himmel gar? Doch sie tut das. Kohelet nicht. Erstaunlich, dass ein solcher Querdenker Eingang gefunden hat in den biblischen Kanon. Sein Platz darin war denn auch lange umstritten. Ist das Ausdruck von Toleranz? Oder gar Einsicht in die unbestreitbare Vielfalt menschlicher Lebensentwürfe? Aber geht es in der Bibel nicht weit mehr um Gottes Plan als um menschliche Entwürfe? Sammelt uns der Versammler in einer Sackgasse?
Kohelet ist ein Skeptiker, und er macht einen skeptisch. Skeptisch gegenüber allzu vollmundig vorgetragenen Weisheiten, skeptisch gegenüber all zu leichtfüssigen Glaubenskonzepten und skeptisch auch gegenüber einer Welt, die meint, sich dauernd neu erfinden zu müssen. Wen wundert es da, dass gerade jene Menschen, die am Puls der Zeit arbeiten und dauernd unter Druck stehen, Neues produzieren zu müssen, bei Kohelet ankommen. Die Antwort auf die eingangs gestellte Frage: Welchen Gewinn hat der Mensch von seiner ganzen Mühe und Arbeit? lautet also: Es gibt keinen Gewinn, weil nichts Bestand hat. Alles fliesst — davon im Strom der Zeit. Wir spüren nur Vergänglichkeit. Wir sind vielleicht eine Spassgesellschaft, aber so spassig ist es gar nicht in dieser Gesellschaft. Kohelet macht nachdenklich. Und Nachdenken hat noch keinem geschadet. Wohlverstanden, nachdenken und nicht grübeln ist angesagt.
Schön und gut, Herr Pfarrer, und soweit recht, aber wo, bitte, bleibt das Evangelium? Diese Worte sind ja so kalt, dass sie einem in diesen Tagen die Klimaanlage ersetzen könnten. Einfach nichts Neues unter der Sonne? In der Tat, neue Erfahrungen gibt es nicht unter der Sonne. So denke ich, muss der Prediger gelesen und gehört werden. Menschen lachen, Menschen weinen, Menschen lieben sich, hassen sich, sie schweigen und reden und machen dabei durch all die Zeiten hindurch immer dieselben menschlichen Erfahrungen, dass unser Leben nur ein Hauch ist, eine Blume auf dem Feld, die heute blüht und morgen schon verwelkt. Das muss doch auch einmal gesagt sein. Ob eine entfesselte und streckenweise völlig enthemmte Genusssucht darauf eine angemessene Reaktion ist, wage ich im Blick auf andere biblische Kernaussagen allerdings zu bezweifeln.
Es ist aber bestimmt viel einfacher, Kohelet misszuverstehen und ihn vor den Karren eigener Rechtfertigungen zu spannen, als ihn richtig einzuordnen. Kohelet hält die Finger genau dort drauf, wo andere sie sich lieber nicht verbrennen. Dass seine Weisheit nicht die Weisheit der Christusbotschaft ist, ist offensichtlich. Seine Bereitschaft aber, Menschen, Dinge und Situationen radikal zu hinterfragen, ist eine gute Schule, wenn es darum geht, seinen Glauben in der Welt und vor der Welt zu verantworten. Lieber Kohelet lesen als Bunte. Amen.

Interlaken, im Juli 2003