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Es wird geschehen in den letzten Tagen, da wir der Berg mit dem Haus des Herrn festgegründet stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben; und alle Völker werden zu ihm hinströmen, und viele Nationen werden sich aufmachen und sprechen: Kommt, lasst uns hinaufziehen zum Berge des Herrn, zu dem Hause des Gottes Jakobs, dass er uns seine Wege lehre und wir wandeln auf seinen Pfaden; denn von Zion wird Weisung ausgehen und das Wort des Herrn von Jerusalem. Und er wird Recht sprechen zwischen den Völkern und zurechtweisen viele Nationen; und sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen schmieden und ihre Lanzen zu Rebmessern. Kein Volk wird gegen ein anderes das Schwert erheben, und sie werden den Krieg nicht mehr lernen. Haus Jakobs, auf, lasst uns wandeln im Lichte des Herrn! Jes 2, 2-5

Liebe Gemeinde! Wenn man das so hört und sich dann kurz vergegenwärtigt mit was für Schlagzeilen die täglichen Nachrichten aufwarten, wenn man ein bisschen etwas von Geschichte weiss und nicht bloss im Sandkasten spielt, dann können einem diese Worte aus dem Buch des Propheten Jesaja schon merkwürdig angehen. Ist das nur ein frommer Wunsch: Schwerter zu Pflugscharen? Lediglich eine brüchige Vision für Phantasten: Lanzen zu Rebmessern? Nur Ausdruck von Sehnsucht nach einer besseren inmitten einer geplagten Welt: Sie werden den Krieg nicht mehr lernen?
Oh ja, den Krieg, den man muss man lernen. Nicht ohne Grund sprechen wir ja vom Kriegshandwerk. Töten will gelernt sein, das gilt für den Junglöwen, der bei der Mutter in die Schule geht, nicht weniger als für den Soldat, der im Drill sein Bajonett in die Strohpuppe rammt. Und wer lernt, der lernt ja nicht um des Lernens willen, sondern er lernt fürs Überleben, fürs Leben selber, wie ein altes lateinisches Sprichwort uns belehrt. Non scolae, sed vitae discimus. Zu Deutsch: Nicht für die Schule, sondern fürs Leben lernen wir. Töten will gelernt sein, und zwar richtig, gerade auch der Getöteten wegen. Das mag zynisch und beim ersten Hördruck auch verwirrend klingen. Der Getöteten wegen? Und doch: Selten wird das Töten so grausam wie dann, wenn es nicht richtig gelernt wurde. Dafür gibt es grässliche Beweise, die wir uns — nicht um der Wahrheit, aber — um des guten Geschmackes Willen hier ersparen wollen. Das Kriegführen und das Töten, das kann man lernen, und es gibt wahre Meister in dieser Domäne.
Vielleicht müssen wir das allererst einmal ganz deutlich benennen und festhalten: Diese Worte des Propheten, die verheissen zwar eine andere, und wir können ohne zögern auch sagen, eine bessere Zeit, aber sie sagen damit eben auch, wie es denn hier und heute in unserer Weltzeit zugeht, und seit Jahrhunderten schon zugegangen ist. Eine Welt, in der häufig der Vater der Krieg aller Dinge ist, wie schon Heraklit lehrte. Und das gilt bis in die Raumfahrt- und die moderne Kommunikationstechnik hinein. Der Prophet überpinselt die Wirklichkeit also nicht mit schönen Worten, sondern im grellen Scheinwerferlicht der Verheissung deckt er noch Gegenwärtiges schonungslos auf. Im Gegenüber zu dem, was im Rücken der Tage sein wird, zeigt sich besonders deutlich, was jetzt noch ist. Keine Völkerwallfahrt auf den Zion nach Jerusalem; keine Einsicht der Nationen, dass der Gott Israels ihnen Recht sprechen wird; kein Umfunktionieren von Waffen in Ackergerät. Im besseren Fall eine Wallfahrt nach Santiago de Compostella, weil es Mode ist. Aber genügt das?
In Anbetracht und Erkennung dessen ist man vielleicht auch geneigt in Gottfried Kellers Lied vom "Frühlingsglauben" einzustimmen: Es wandert eine schöne Sage / Wie Veilchenduft auf Erden um, / Wie sehnend eine Liebesklage / Geht sie bei Tag und Nacht herum. / Das ist das Lied vom Völkerfrieden / Und von der Menschen letztem Glück / Von goldner Zeit, die einst hienieden, / Der Traum als Wahrheit, kehrt zurück.
Liebe Gemeinde! Das Prophetenwort nicht mehr als eine Sage wie Veilchenduft, ein Liedlein, ein Traum? Nicht mehr als das? Nichts gegen Sagen, die sind unterhaltsam und bergen manchmal auch Wahrheit in sich, und nichts gegen ein schönes Lied, und Träume sind häufig auch mehr als Schäume. Aber mit solchen Umschreibungen wird man dem Prophetenwort doch nicht gerecht. Mit solchen romantischen Vernietlichungen wird es zur Banalität degradiert.
Denn, das ist doch banal, den Wunsch nach Frieden als Mitte und Ziel dieser Prophetenworte hervorzuheben. Das hiesse diese Worte nicht von Gott her und auf Gott hin zu lesen, das hiesse eben einmal mehr, sie in den Dunstkreis des Menschen zu rücken und als konsequente Folge davon, dem ohnmächtigen Versuch verfallen Frieden als Machwerk des Menschen zu katalogisieren, als das dem Menschenmögliche einzufordern. Damit würde er auf die selbe Stufe wie der Krieg — in der Tat ein Machwerk des Menschen — herabsinken. Aber ist Friede nicht mehr, vor allem nicht unendlich viel mehr wert als Krieg?
Friede, shalom, wie ihn die Bibel zur Sprache bringt, ist mehr als Menschenwerk. Er ist Gottes Werk. Er kann nur da gelernt werden, wo Gott selber als Lehrer auftritt. Unser Text sagt, wo der Gott Israels "Recht spricht und Völker zurechtweist." Um die — zugegeben etwas ausgeleierte — Formel zu gebrauchen: Friede ist mehr als Abwesenheit von Krieg. Friede, shalom, ist eine ganz und gar befriedete Welt, ein Zustand von dem das Jesajabuch noch mit ganz anderen Bildern schwärmen kann. Der Wolf zu Gast beim Lamm. Kalb und Leu miteinander am grasen. Das spielende Kind am Loch der Otter. So sieht eine von Gott befriedete und auch getröstete Welt aus.
Vielleicht ist das etwas vom Wichtigsten, das wir aus diesen Worten heute mit nach Hause nehmen dürfen, dass nämlich Friede niemals Wirklichkeit wird, wo nicht auch sogleich und zugleich Recht geübt wird. Der erste Schritt zu echtem, umfassendem Friede ist immer die Garantierung und Umsetzung von Recht. Und wir müssen zum besseren Verständnis hier festhalten, das Recht im AT mehr ist als das Streben nach einer gerechten Norm, nämlich eine Hilfe, Streit beizukommen, ohne die Parteien ihn Sieger und Verlierer zuteilen. Richten heisst im AT Schlichten. Richten und Helfen sind im Hebräischen Denken Parallelbegriffe. nach Köhler Wo Gott richtet, da hilft er dem Menschen. Wo Gott als Richter auftritt, da ist nicht Zerstörung und Vernichtung angesagt, sondern da tritt er dem Menschen letztlich als Helfer entgegen.
Wohlverstanden, er tritt ihm entgegen, er kreuzt seinen Weg und seine Absichten und winkt ihm nicht bloss von ferne zu wie eine alte zahnlose Urgrossmutter. Dass das nicht ohne Blessuren abgeht, wo Gott unsere Vorhaben durchkreuzt ist leicht einsichtig. Wem das noch nicht einsichtig ist, der konzentriere sich auf Christi Kreuz, um einsichtig zu werden. Am Kreuz richtet Gott die Welt, indem er schlichtet. Gott selber war sich dafür Opfer.
Und er, nämlich Gott selber, er wird Recht sprechen zwischen den Völkern und zurechtweisen viele Nationen. Er ist der Richter, der Helfer, der ermöglicht, was wir aus eigener Kraft nicht zu Stande bringen. Ohne Gottes Hilfe kein Friede, keine Schwerter zu Pflugscharen, keine Lanzen zu Rebmessern, das lehrt uns das Prophetenwort, wo wir es nicht vorschnell als Handlungsmaxime missverstehen. Dieses Wort ist weit weniger eine politische Handlungsanweisung, zu der es im Laufe der Geschichte immer wieder verbogen wurde, als vielmehr eine Einweisung in das rechte Beten und Glauben an den Gott Israels, als eines richtenden, weil eben helfenden Herrn und Gottes. Nicht Anweisung Einweisung gibt der Prophet.
Verdeutlichen wir uns das mit dem Anfang des Prophetenspruchs: Es wird geschehen in den letzten Tagen, da wir der Berg mit dem Haus des Herrn, also der Tempel, festgegründet stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben. Dahinter steht die altorientalische Vorstellung eines Götterberges, von welchem aus Gott offenkundig und unwiderstehlich lenkend und also wo nötig korrigierend in die Geschicke seiner Welt eingreift. Der Prophet aktualisiert diese Tradition, in dem er sie auf den Tempelberg in Jerusalem anwendet, und zwar so, dass er in bildhafter Sprache sagt: Jahwe, der Gott Israels, wird über allen anderen Göttern stehen und sein Erscheinen wird so offenkundig sein, dass alles bisher Dagewesene überragt wird. Erst wenn dies eintrifft, wenn Gott sich in allerneuernder Klarheit offenbart, erst dann strömen die Völker zum Zion. Aufgepasst: die Völker, alle Nationen. Hier ist für einmal jüdische Exklusivität gänzlich ausgeklammert. Erst dann strömen die Völker, weniger aus eigenem Antrieb, als vielmehr magnetisch von ihrem Schöpfer angezogen, aber dann kommen sie und lassen sich von Gott selber belehren und richten. Dann werden sie auf seinen Pfaden wandeln und nicht mehr eigene Wege und Irrwege einschlagen. Dann wird das Verworrene unserer Friedensbemühungen, der direkten Friedenshilfe Gottes weichen.
Sind wir jetzt in eine ferne Zukunft abgedriftet? Sind wir wieder beim frommen Wunsch gelandet, der keinen Bezug zu Gegenwart und Wirklichkeit hat? Doch nur Sehnsucht ohne konkrete Tat? Davor bewahrt uns der letzte Satz des Textes: Haus Jakobs, auf, lasst uns wandeln im Lichte des Herrn! Das ist ganz direkt. Eine Aufforderung. Und Aufforderungen, die wollen ja nicht dereinst, sondern hier und heute gehört und dann gelebt werden. Aber eben nicht als politisches Manifest, sondern als Manifestation der Hoffnung auf den Gott Israels.
Hier liegt der Scheidepunkt zwischen Vereinnahmung des Prophetenwortes und Hingabe an dieses. Es heisst, sehr real: Auf! Aufstehen, Tagwache, nicht mehr weiterschlafen, nicht mehr so tun, als wäre der Krieg der Vater aller Dinge, sondern sich dazu bekennen und dann auch danach leben, dass der Vater aller Dinge ein Gott des Friedens ist, der all unseren Verstand überragt, so wie er einst alle Hügel und Berge überragen wird. Jetzt noch nicht allen offenkundig, noch ist der Tempelberg in Jerusalem niedriger als der Ölberg draussen vor der Stadt, noch zeigt sich dieser Gott im Verborgenen, aber andere Tage werden kommen, so wahr dieser Gott und kein anderer der Schöpfer, Retter und Vollender dieser Welt ist.
Keine Vision also und nicht blosse Sehnsucht, nicht frommer Wunsch, sondern Hoffnung, in Gott begründete und von Gott beflügelte Hoffnung, in der Einschätzung der Welt wohl auch irrwitzige Hoffnung, aber von Gott getragene Hoffnung auf eine spätere Zeit, wo keiner mehr das Kriegshandwerk lernen wird. Nicht bloss eine äusserlich befriedete Welt, sondern eine, in der Krieg nicht einmal mehr eine denkbare Realität ist, auch nicht im Computerspiel. Krieg — ausgestorben wie die Dinosaurier. Das ist der Hoffnungshorizont, den uns der Prophet erschliesst. Und an diesem Horizont wird die Sonne anders aufgehen als heute. Amen.

Himmlischer Vater! Ewiger Gott!
Wir danken dir, dass du uns durch den Propheten solch gute Hoffnung verheissen hast: es wird einmal Friede sein, wie ihn noch kein Mensch gesehen und erlebt hat. Es tut gut, solche Hoffnung haben zu dürfen, das schärft einem nicht nur den Blick für Missstände, es hilft einem auch, daran nicht zu verzweifeln. Aber wir wollen dich auch darum bitten, dass du uns davor bewahrst, aus dir einfach einen nietlichen Gott zu machen, nur weil du uns Gutes verheissen tust. Das wäre grundfalsch. Das würde uns und unserem Glauben nicht gut bekommen. Wehe dem, der meint, er könne vor dir bestehen aus eigener Kraft! Wehe uns, wenn wir das Kreuz aus den Augen verlieren! Gnade bedeutet mehr, als einfach die Augen zudrücken. Deine Gnade und dein Recht gehen Hand in Hand und in deiner Liebe verbirgt sich auch dein Zorn gegen alles, was deiner Ehre Abbruch tut. Lass uns also nicht der Täuschung anheimfallen! Führe uns stattdessen in die Wahrheit des Evangeliums von Jesus Christus. In dessen Namen wir dich nun auch bitten für all jene Menschen, die sich so sehr nach Frieden sehnen im Grossen wie im Kleinen. Für Verfolgte und Bedrängte, für Verzweifelte und Vergessene, für Erniedrigte und Beleidigte. Segne du sie, erlöse sie und geleite sie in ein besseres Leben, in ein gelobtes Land, wo auch für sie Milch und Honig fliesst. Erbarme dich ihrer und erbarme dich unser, um deiner Barmherzigkeit willen, die wir in Jesus Christus erfahren dürfen. Amen.

Interlaken, im Sommer 1999