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Als sie aber (nämlich die Weisen aus dem Morgenland) fortgezogen waren, siehe, da erscheint dem Josef ein Engel des Herrn im Traum und sagt: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter, flieh nach Ägypten und bleibe dort, bis ich es dir sage! Denn Herodes wird das Kind suchen, um es umzubringen. Da stand er auf in der Nacht, nahm das Kind und seine Mutter und zog fort nach Ägypten. Dort blieb er bis zum Tod des Herodes, damit erfüllt werde, was vom Herrn durch den Propheten gesagt ist: Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen. Mt 2, 13 - 15

Liebe Gemeinde! Kaum geboren, schon auf der Flucht. Das ist das traurige Schicksal vieler auch in unseren Tagen. Kaum geboren, schon verfolgt. Auch das ist immer noch traurige Biografie vieler. Ob wir uns in unserer saturierten, verwöhnten Gesellschaft überhaupt noch vorzustellen vermögen, wie sehr sich der lebendige Gott mit den Erniedrigten und Beleidigten dieser Welt solidarisiert? Dieser Gott habe ich soeben gesagt. Da ist ja nicht bloss ein Mensch auf der Flucht. Da ist Gott selber auf der Flucht. Schliesslich kommt dieses Kind ja nicht weniger als wir von Weihnachten her, an der wir eines dieser ganz grossen Christen-Geheimnisse gefeiert haben: Die Menschwerdung Gottes. Gott wird Mensch in Jesus von Nazareth. Und nun ist er also bereits auf der Flucht, der Neugeborene, auf der Flucht vor Menschen.
Es gibt viele Menschen, die Weihnachten regelrecht fliehen. Die einen fliehen bloss vor der äusseren Kälte der Weihnachtstage. Die sagen sich: Ab an die Sonne und gehen nach Scharm el Scheik oder sonst wohin und lassen sich die Pelle bräunen. Andere fliehen vor der inneren Kälte, vor bösen Erinnerungen an hässliche Familien-Szenen oder vor nie überwundenen Enttäuschungen vergangener Weihnachtstage. Wieder andere fliehen in die Arbeit, um so die Traurigkeit über Verlorenes etwas zu dämpfen. Und viele fliehen einfach die Einsamkeit, so sie denn die Möglichkeit dazu haben. Bloss nicht alleine sein an Weihnachten! Da fällt einem ja die Decke auf den Kopf! In der Tat: In der Weihnachtszeit fliehen viele — auch das Jesuskind.
Es flieht allerdings nicht selber. Es wäre ja auch noch viel zu klein hierfür. Der Josef nimmt es mit auf seine Flucht. Für einmal — und es ist eine der wenigen Stellen in den Evangelien — steht der Josef mehr im Mittelpunkt als die Maria. Dem Josef erscheint der Engel des Herrn, er steht mitten in der Nacht auf, und er nimmt das Kind und die Mutter und zieht nach Ägypten. Damals waren die Grenzen noch offener als heute. Da konnte ein Vater mit seiner jungen Familie noch fliehen. Aber heute? Das würde kaum genügen für einen Asylantrag an irgend einer Grenze Westeuropas: Mir ist ein Engel erschienen, also bin ich geflohen. Bitte nehmt mich auf! Damals genügte das. Auch dem Josef genügte ein Traumgesicht. Und auch der Evangelist Matthäus begnügt sich damit. Vieles bleibt unklar, damit anderes klar wird, manches bleibt im Dunkeln, damit das göttliche Licht aufs Wesentliche fällt.
Warum Menschen auf der Flucht sind, dafür gibt es viele Gründe. Eines aber haben alle gemeinsam: Zu einer Flucht ist man immer gezwungen. Das macht niemand freiwillig mit. Jede Flucht ist gezwungenermassen. Keiner flieht aus Freude an der Flucht, sondern aus Furcht vor dem, was geschieht, wenn er nicht flieht. Das sollten wir nie vergessen, wenn wir als Gemeinschaft oder auch als Einzelne mit Flüchtlingen zu tun haben. Und noch weniger sollten wir vergessen, dass der, auf dem unser christlicher Glaube fusst, nämlich Jesus von Nazareth, selber ein Flüchtlingskind war. Der Heiland auf der Flucht vor bösen Menschen. So beginnen seine Erdentage. Er teilt das Schicksal vieler.
Wir wollen versuchen, uns das ganz deutlich zu machen, auch in der Hoffnung, den Weihnachtstagen so eine Seite abzugewinnen, die wir bis dato vielleicht noch nicht so richtig oder überhaupt noch gar nie gewichtet haben. Der, welcher diese Welt aufsucht, nämlich der Heiland, der muss, kaum ist er angekommen, auch schon fliehen. Seine Ankunft löst auf Erden keine Freudenstürme aus — im Himmel schon, aber nicht auf Erden — nein, kaum ist er da, muss er auch schon weg. Ab an die Sonne Ägyptens! Und das in einer Nacht und Nebel Aktion. Da stand Josef auf in der Nacht, nahm das Kind und seine Mutter und zog fort nach Ägypten.
Ich bin mir nicht sicher, ob uns die Worte des Matthäus schon genügend unter die Haut gingen. Deshalb setze ich noch einmal nach. Der gnädige Gott, der sich in diesem Jesus zur Welt brachte, der ist ein sehr menschlicher Gott. Wohlverstanden: ein menschlicher, nicht ein vermenschlichter Gott. Das ist ein himmelweiter Unterschied. Menschlich ist er deshalb, weil er das Los armer Menschen teilt. Er kommt zwar von oben herab, aber er geht ganz unten durch. Nicht den Palast im Mondenschein, sondern den Stall unter dem Stern, und nicht den Triumphzug, sondern die Flucht hat er sich erwählt. Das sollte uns im guten Fall nachdenklich und im besseren Fall sogar demütig machen. Der Allmächtige hätte ja anders entscheiden und handeln können. Aber er tat es nicht. Warum hat er sich für die Flucht und nicht für den Triumphzug entschieden?
Es sind in aller Regel nicht die Reichen und Mächtigen dieser Welt auf der Flucht. Sind sie es dennoch einmal, haben sie meist genügend Mittel und auch Wege, um trotzdem sicher zu entkommen. Auf der Strecke bleiben sie selten. Das wissen wir nur allzu gut. Die Kleinen hängt man, die Grossen lässt man laufen, konstatiert der Volksmund nicht ohne Bitternis. Wer fliehen muss, gehört zu den Ohnmächtigen dieser Welt, zu denen ohne Macht. Und genau bei solchen will der gnädige Gott als erstes anzutreffen sein. Er will nicht im Kreis derer entdeckt werden, die mit ihrer Macht protzen, als der, welcher mit noch mehr Macht klotzt. Er will uns eben überhaupt nicht bezwingen, sondern er will uns gewinnen, liebe Gemeinde. Nicht überrumpeln, sondern begeistern will er uns. Kurz und gut: Er begegnet uns mit Liebe. Schaut nicht auf das seine, sondern auf das unsere. Setzt nicht seine Macht ein, sondern setzt auf die Ohnmacht des Schwachen, erteilt keine Befehle, sondern dient. Wenn sie einen Menschen wirklich für sich gewinnen wollen, dann müssen sie mit gutem Beispiel vorangehen, sonst überzeugen sie nicht. Jesus geht voran auf der Lebensbahn — auch und gerade auf seiner Flucht nach Ägypten.
Es ist die Liebe Gottes zu seiner Welt, die sich nicht zu schön ist, sich auch mit der Gestalt eines Flüchtlingskindes zu begnügen. Gott ist sich nicht zu gut dafür, gerade weil er eben gut und gütig ist. Wer wollte das, ohne rot zu werden, von sich selber behaupten? Ist es nicht die Einsicht, dann hoffentlich wenigstens der Anstand, der uns zwingt hier ehrlich zu sein. Wir schämen uns doch, auf der Seite der Verlierer zu stehen, nicht wahr? Ist uns unter Erfolgreichen nicht wohler? Kriegen wir das nicht täglich und vielfältig eingetrichtert, dass Erfolg haben mehr zählt als verlieren? Steckt es am Ende zutiefst in uns Menschen drin, dass wir uns am Erfolg messen — und sei es auch nur der schnelle Erfolg?
Die Geschichte Jesu von Nazareth ist vordergründig keine Erfolgsgeschichte. Sie ist vordergründig die Geschichte eines Verlierers. Stallgeburt, Flucht in die Fremde, Anfeindung in der Heimat, Verfolgung und Hinrichtung. Das ist keine Erfolgsgeschichte. Und dennoch ist es eine Siegesgeschichte. Das macht allerdings erst der Hintergrund sichtbar, will heissen, wenn wir den Vorhang des Vordergründigen bei Seite ziehen und die wahren Zusammenhänge erkennen. Dem Glauben an diesen Jesus von Nazareth, dem gelingt etwas Unglaubliches, der erkennt im traurigen Schicksal einer flüchtenden Familie Gottes Heils-Wille. Er deutet selbstverständlich nicht jedes Flüchtlingsschicksal als Gottes Wille, das wäre ein teuflischer Glaube. Aber dieses eine Schicksal deutet er so. Und der Matthäus und der Prophet helfen dem Glauben dabei. Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.
Der Wille zur Macht und also der Wille der Mächtigen dieser Welt schaut anders aus. Es ist ein blutiger Wille, der Wille zur Macht. Leichen pflastern seinen Weg. Herodes, um seine Macht besorgt, wird zum Schlächter. Seine Schergen richten ein Blutbad an unter den Kindern Bethlehems. Und die Pause hier, die muss so lange sein — bis es weh tut. * Pause * So gebärdet sich die Macht dieser Welt. Die Grausamkeit des Herodes ist übrigens sprichwörtlich gewesen. Das gab’s leider schon damals, nicht erst heute. Bitte nicht vergessen oder verdrängen nur um der lieben Romantik willen. Drei Söhne liess Herodes hinrichten und zu seinem Begräbnis hätte aus jeder Familie einer getötet werden sollen, damit man auch wirklich trauere, erzählt uns der Historiker.
Wie anders geht da der gnädige Gott zu Werke. Er tötet nicht, er macht lebendig. Seine Macht ist in dieser Welt zwar noch in Ohnmacht eingewickelt. Und sein Reich ist nicht das, was wir da sehen, sondern das, was da kommen wird. Aber in diesem Knaben, der da von Josef in Sicherheit gebracht wird, wird sich die Verheissung Israels erfüllen — er ist und er wird der zukünftige Messias sein, der Heiland der ganzen Welt. —
Und vielleicht machen wir es jetzt ja so, liebe Gemeinde, während dem Orgelspiel prägen wir uns noch einmal das Bild dieser Flucht ein. Die Schnitzerei hier vorne hilft uns dabei. Ein polnischer Künstler hat die Szene aus dem Holz geschnitzt. Steht übrigens sonst in der Schlossscheune. Prägen wir uns dieses Bild ein — das Kind auf der Flucht … Und lassen wir uns dann fragen, ob wir bereit sind, dieses Flüchtlingskind aufzunehmen in unseren Herzen. Wir werden zwar mit ihm sterben, aber wir werden auch mit ihm leben. Amen.

Interlaken, im Dezember 2001